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VAST-Diskussion: Silvia Bonacchi und Ian Verstegen

Text: w/k-Redaktion | Bereich: Allgemeines zu „Kunst und Wissenschaft“

Übersicht: Nach Runde 1 der Diskussion über den von Karl Otto Götz entwickelten Visual Aesthetic Sensitivity Test antwortete Karin Götz in Runde 2 auf die verschiedenen Aussagen. In der dritten Runde setzen sich Silvia Bonacchi und Ian Verstegen mit dem bisherigen Diskussionsstand auseinander.


Das Schöne spürbar machen

Text: Silvia Bonacchi

Der Visual Aesthetic Sensitivity Test (VAST), wie er von Karl Otto Götz entwickelt wurde und jetzt in w/k lebhaft diskutiert wird, ist ein Test, der die individuelle Sensibilität gegenüber visuellen Figurationen auf ihren ästhetischen Charakter hin untersuchen soll. Es geht um die Wahl zwischen zwei Bildern, die minimale Unterschiede aufweisen: eine Linie, die Neigung einer Fläche, ein Farbfleck. Wer den Test macht, stellt fest, wie es wichtig ist, genau hinzuschauen. Es entsteht ein Prägnanz- bzw. ein Imprägnanz- (Stemberger 2009: 15), oder auch ein Disprägnanzerlebnis – so würde man das in der Gestalttheorie nennen: Etwas passt, ist stimmig oder etwas fehlt, ist unvollkommen, passt nicht, steht schlecht etc. Nicht nur in der visuellen Wahrnehmung, sondern auch in anderen sensorischen Bereichen können wir eine Erfahrung einer fragilen Schönheit machen, die umkippen kann. So etwa im akustischen und kinetisch-akustischen Bereich, indem wir die Anziehungskraft des Rhythmischen, die Schönheit einer Stimme oder die Verzauberung durch einen poetischen Vers erleben. Hier reicht eine kleine Veränderung aus, damit der euphonische Effekt verschwindet und Kakophonie eintritt. Es genügt etwa, dass eine Person erkältet ist, eine heisere Stimme bekommt oder plötzlich zu laut spricht, damit ihre Stimme unangenehm wird. Es genügt, ein Wort oder gar eine Silbe zu ändern, damit ein Vers bricht. Hinter Urteilen wie „eine angenehme Stimme“, „ein angenehmer Ton“, ein „bezaubernder Vers“ steht die phänomenale Evidenz einer Harmonie, die das Ergebnis des Zusammenspiels unterschiedlicher Faktoren ist: die Farbe der Stimme, ihre Intensität, das Sprechtempo, die Tonhöhenunterschiede, Pausen, Akzente und Tonqualität. Es ist also ein Gestalterlebnis, im Sinne von Kant und Locke ein Erlebnis tertiärer Qualitäten, bzw. es ist ein Erlebnis – wie Locke im Kapitel IV, 26 seines Essays Concerning Human Understanding schrieb – der „natürlichen Wirkungen“, das die Wahrnehmungsobjekte auslösen.

Ich erinnere mich an eine Passage aus dem Essay von Robert Musil Literat und Literatur (1931), das der Formgebung als Gestaltproblem gewidmet ist. Hier erinnert der österreichische Schriftsteller an die schönen Verse des Goethe-Gedichts St. Nepomuks Vorabend:

“Aus einer Vorstellung, die nicht schöner ist als Dutzende anderer, dass Kinder singend über eine Brücke gehen, unter der beleuchtete Boote und die Reflexe der Ufer schwimmen […] formt Goethe durch einen umstellenden Griff zwei der zauberhaftesten Zeilen: <<Lichtlein schwimmen auf dem Strome / Kinder singen auf der Brücken>>. Betrachtet man darin den Rhythmus, der sich ja auch mit den Fingern auf eine Tischplatte klopfen lässt, so hat er nicht viel mehr Bedeutung als eine untermalende Begleitung; das Lautbild, das auch fühlbar an dem veränderten Eindruck beteiligt ist, lässt sich trotzdem von diesem nicht loslösen und hat so wenig eine selbstständige Qualität, wie eine Seite einer Figur eine hat; und so konnte man einen solchen Vers auch noch auf andere Veränderungen untersuchen, fände aber lauter Einzelheiten, die für sich so gut wie nichts bedeuten, und kann nur erklären, dass aus ihnen allen gemeinsam und durch ihre gegenseitige Durchdringung das Ganze auf eine Weise entsteht, die geheimnisvoll bleibt“ (GW 8, 1212). 

Petrarcas Verse, Shakespeares Sonette (cf. Gambino et al. in print), Pindars Oden, die daktylischen Hexameter in den griechischen Tragödien beeindrucken uns vor allem wegen jenes Geheimnisses der Schönheit, das sich in ihrem Klang eröffnet, in dem eine ursprüngliche Ordnung mitzuschwingen scheint, der wir uns nicht entziehen können. Jede kleine Störung dieser geheimen Ordnung, in der die Dinge ihre gegenseitige Zusammengehörigkeit offenbaren, ist eine Erfahrung der Disprägnanz und der Sinneskakophonie.

Wer den VAST macht, muss dafür wach und aufmerksam sein: Jede Ablenkung führt zur Desorientierung, die Linien verflechten sich, und die Figuren werden unverständliche Flecken. Um Bilder wahrzunehmen, brauchen wir Licht, um Figuren wahrzunehmen, brauchen wir einen Hintergrund, um Töne oder Stimmen und Rhythmus wahrzunehmen, dürfen wir uns nicht von Lärm und Geschrei blenden lassen. Wachheit und Konzentration können dann übergehen in einen Zustand der Hingabe oder Kontemplation, der die Sinne schärft und weitet. Dann wird das Schöne spürbar. Gerade heute, in einer schnellen, lauten und überbunten Welt brauchen wir solche Formen des Prägnanzerlebens. Daran erinnert und gemahnt der VAST und das macht ihn auch fünfzig Jahre nach seiner Konzipierung noch aktuell.

Literatur

Bonacchi, S. (1998): Die Gestalt der Dichtung. Der Einfluss der Gestalttheorie auf Robert Musils Werk. Bern et al. Lang.

Musil, R. (1978): Gesammelte Werke. Band 8. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt [GW 8].

Gambino, R., Pulvirenti, G., Sylvester, T. , Jacobs, A.M., Lüdtke, J.: The Foregrounding Assessment Matrix: An interface for qualitative-quantitative interdisciplinary research. In: Entymema (https://riviste.unimi.it/index.php/enthymema, im Druck).

Stemberger, G. (2009): Feldprozesse in der Psychotherapie. Der Mehr-Felder-Ansatz im diagnostischen und therapeutischen Prozess. In: Phänomenal 2009/1, 12–19.


A Humanist’s View of the Visual Aesthetic Sensitivity Test (VAST)

Text: Ian Verstegen

Die Ausführungen von Rissa und die darauf erfolgten Reaktionen einer Reihe von Psycholog*innen und Künstler*innen sind ein willkommener Anlass, um über das Konzept der ästhetischen Sensibilität nachzudenken. Aus geisteswissenschaftlicher Sicht ist eine besondere ästhetische Sensibilität als ehemals angestrebte Fähigkeit inzwischen weitestgehend diskreditiert. Die dauerhafte Aufwertung der Populär- oder Massenkultur, sowie die Abneigung gegenüber sozialen Hierarchien – „Beschäftigen sich nur Reiche mit Ästhetik?“ – stellen dieses Messinstrument unter den Verdacht des Elitären.

Dies ist eine verzwickte Situation, denn während avantgardistische künstlerische Praktiken versuchen, traditionelle ästhetische Bedenken zu überwinden, basiert die mächtige digitale Medienindustrie genau auf solchen Prinzipien. Je mehr wir in unseren künstlerischen Praktiken behaupten, dass wir nicht an ästhetischer Sensibilität interessiert sind, desto mehr beeinflusst diese unsere Alltagspraxis.

Ein Manko der frühen Tests von visueller guter Ordnung oder Präferenz war, dass diese zu vage waren. Auch mischten sie kulturelle Annahmen in ihre Diskussionen mit ein. In einem früheren Artikel über die Messung von Prägnanz, der u.a. von Riccardo Luccio diskutiert wurde, habe ich argumentiert, dass wir, wenn wir „gut“ sagen, eigentlich eine instrumentelle Antwort implizieren, „gut für x“ (Verstegen, 2009). Sinnvollerweise trennte Götz evaluative von deskriptiven Merkmalen (Götz, 1979). Außerdem setzten seine Instruktionen keine impliziten Annahmen voraus: In der 1979er Version der Tests wurde nach einem Urteil gefragt, welches von zwei Bildern „in seiner Gestaltung harmonischer ist als das andere“. Diese Instruktion ist extrem eindeutig sowie einfach zu beantworten.

Stemberger schlug in seiner Antwort vor, dass wir über ästhetische Sensibilität nicht die Nase rümpfen sollten, wenn dies mit ethischen Überzeugungen verbunden ist, die gleichermaßen auf Intuition beruhen. Wie ich schon anmerkte, beschäftigt uns die ästhetische Sensibilität so sehr wie nie zuvor, auch wenn unsere offizielle Lehrmeinung sie nicht unterstützt. Dies ist ein Problem der Geisteswissenschaften und nicht der Psychologie. Es ist die aktuelle Aufgabe der Geisteswissenschaft, die Grenzen ihrer pseudo-befreienden und pseudo-demokratisierenden Doktrinen zu überwinden, die in Wirklichkeit Hierarchien verstärken.

Was wäre, wenn der VAST oder ein ähnliches Instrument die ästhetische Sensibilität von Schülerinnen und Schülern auf eine staatlich gestützte Weise fördern und ausbilden könnte, sodass die Teilhabe an einem kulturell erfüllenden Leben für alle Menschen gleichermaßen ermöglicht wird? In diesem Fall hätte der Götz’sche Test seinen Zweck erfüllt.

Literatur

Götz, K. O., Borisy, A. R., Lynn, R., & Eysenck, H. J. (1979): A new Visual Aesthetic Sensitivity Test: I. Construction and psychometric properties. Perceptual and Motor Skills, 49(3), 795–802.

Verstegen, I. (2009): Prägnanz als Singularität von Zeichen: Das Beispiel Tizians. Zeitschrift für Semiotik 31(1-2): 159–182.


Hier noch einmal alle bisherigen Beiträge zum VAST (von alt nach neu):

Beitragsbild über dem Text: Testbild aus dem VAST (1970—1981). Foto: Till Bödeker.

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