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VAST-Diskussion, Runde 1

Text: w/k-Redaktion | Bereich: Allgemeines zu „Kunst und Wissenschaft“

Übersicht: An Runde 1 der Diskussion über den von Karl Otto Götz entwickelten Visual Aesthetic Sensitivity Test beteiligen sich Gerhard Stemberger, Herbert Fitzek, Nils Myszkowski, Riccardo Luccio, Thomas Jacobsen/Barbara E. Marschallek/Selina M. Weiler und Roy R. Behrens.

Einleitung

Wie in VAST-Diskussion: Der Plan dargelegt, nehmen an der ersten Runde nur Psychologen und psychologienah arbeitende Wissenschaftler teil. Die sechs Statements werden in der von der Beraterin Brigitte Boothe vorgeschlagenen Reihenfolge veröffentlicht. Um gleiche Ausgangsbedingungen für alle zu schaffen, wurden diese Statements vor der Veröffentlichung nicht den anderen Beteiligten mitgeteilt. Alle Texte sollen den Status von direkten Reaktionen auf den VAST sowie auf die beiden im März erschienenen w/k-Beiträge Karl Otto Götz als Psychologe von Karin Götz (als Malerin Rissa) und Diskussion mit Karin Götz über den VAST, Gespräch mit Peter Tepe haben. Nach der Veröffentlichung können und sollen die Beteiligten im Kommentarteil auf die Texte der anderen reagieren.

Selbstverständlich sind auch interessierte Nutzer eingeladen, sich an der Diskussion zu beteiligen. Die Publikation im deutschsprachigen w/k-Teil enthält auch englische Texte; die Kernredaktion hat das ausnahmsweise zugelassen. Die zeitgleich erscheinende Veröffentlichung im englischsprachigen w/k-Teil besteht demgegenüber ausschließlich aus englischen Texten.

Die Aufgabe für die Teilnehmer lautet: Es interessiert uns, ob heute, viele Jahre später, am Visual Aesthetic Sensitivity Test erneut Interesse besteht, ob die Auseinandersetzung mit ihm und der mit ihm verfolgten Idee fruchtbar werden könnte. Der Test, seine Fragestellung und Implikationen sollen in w/k in schriftlicher Form fachlich diskutiert und auf seine Aktualität und sein Potenzial hin gesichtet werden. Ist der von Götz in den 1970er Jahren entwickelte Test für die heutige Psychologie noch relevant und wenn ja, in welcher Hinsicht? Die Texte der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sollen pointiert und kurz sein, d.h. maximal eine DIN A4-Seite umfassen. Die Redaktion strebt an, die w/k-Beiträge möglichst allgemein verständlich zu gestalten. Daher ist es sehr dankenswert, wenn Ihr Text für eine nicht-fachwissenschaftliche Leserschaft zugänglich ist. Falls es unverzichtbare Fachbegriffe gibt, sollten sie kurz erläutert werden.

In einigen Statements wird der von Nils Myszkowski entwickelte revidierte VAST (VAST-R) erwähnt. Vorab sei dessen Stoßrichtung erläutert: Versucht wird, die VAST-Anwendung so zu modifizieren, dass eindeutiger wird, was der Test eigentlich misst. Die zweite Runde findet im August 2020 statt: Karin Götz wird auf die Statements aus Runde 1 reagieren. Wie es im September und Oktober weitergeht, wird in VAST-Diskussion: Der Plan erläutert.

Das Inhaltsverzeichnis steht auf jeder Seite an oberster Stelle, und dabei wird der jeweils nachfolgende Text durch eine Fettung hervorgehoben:

  1. Eine Frage der Ordnung von Gerhard Stemberger
  2. K.O. Götz und die Psychologie der Gestaltwahrnehmung von Herbert Fitzek
  3. Is the Visual Aesthetic Sensitivity Test (still) relevant to psychology researchers? von Nils Myszkowski
  4. Discussion on VAST von Riccardo Luccio
  5. The VAST in Psychology today von Thomas Jacobsen, Barbara E. Marschallek, Selina M. Weiler
  6. A designer’s view of (and qualms about) the VAST von Roy R. Behrens

1. Eine Frage der Ordnung

Text: Gerhard Stemberger

Übersicht: Die ursprüngliche Intention und die Grundannahmen, die Karl Otto Götz der Entwicklung des VAST zugrunde legte, wenden sich gegen den ästhetischen Relativismus. Die zentrale Annahme, dass Anschauungsdinge eine eigene, innere Ordnung haben, für die man in einer gegebenen Situation wahrnehmungsfähig oder eben auch blind sein kann, wird das Schicksal des VAST im engeren Sinn überdauern.

Karin Götz erwähnt im Interview, dass manche Menschen es offenbar gar nicht wahrnehmen, wenn ein Bild schief an der Wand hängt. Damit spricht sie eine der Irritationen an, die bei der Entstehung des VAST vor vielen Jahren Pate standen. Die Fragen, die sich daran knüpfen, gehen meiner Ansicht nach auch weit über das Gebiet der Ästhetik hinaus. Sie berühren existenzielle Fragen des Menschen. Es hängen ja nicht nur da oder dort einige Bilder schief. Woran liegt es, dass Menschen scheinbar ungerührt in einer Umgebung voller Geschmacklosigkeiten, Ungerechtigkeiten und Misshandlung elementarster Erfordernisse der Erhaltung der eigenen Existenzbedingungen leben können? 

Für den Bereich der ästhetischen Bildwahrnehmung ging Götz offenbar von mehreren Annahmen aus, die auch der VAST-Idee zugrunde liegen: Die erste ist, dass man zur Klärung solcher Fragen vorerst die Wahrnehmungsfähigkeit des Menschen hinsichtlich bestimmter Qualitäten des von ihm Angetroffenen zu prüfen hat. Alltagssprachlich formuliert: Bekommt er es überhaupt mit, wenn an einer Bildvorlage etwas nicht stimmt, nicht ausgewogen, unharmonisch ist?

Diese Frage verbindet Götz mit dem Postulat, dass man solche „Erkenntnis-Urteile“ von den „Gefallens-Urteilen“ unterscheiden sollte. Es macht einen Unterschied, ob jemandem ein unharmonisches Motiv gefällt, obwohl er die „Störungen“ in dem Motiv wahrnimmt (möglicherweise sogar gerade deshalb), oder ob es ihm gefällt, ohne diese „Störungen“ mitbekommen zu haben.

Dieses Postulat impliziert eine Grundannahme von Götz, die ich für entscheidend halte: Dass nämlich die „gute Ordnung“ eines Motivs, die der Mensch im gegebenen Fall wahrzunehmen vermag oder auch nicht, nicht dem individuellen Belieben des Betrachters entspringt, sondern in der Natur der Sache selbst angelegt ist. Karin Götz spricht hier vom Anliegen, „die visuell-ästhetische Dimension aufzuwerten und Elemente der Objektivität im visuell-ästhetischen Bereich wieder hervorzuheben.“

Der Begriff der „Objektivität“ mag in dem Zusammenhang vielen anrüchig erscheinen, weil damit in vielen Bereichen schon allzu viel Schindluder betrieben wurde. Ich selbst habe damit kein so großes Problem. Das Gemeinte ist doch klar: Wenn wir ein harmonisches, ausgewogenes Motiv vor uns haben – liegt dann diese Harmonie in der Motivgestaltung selbst oder wurde sie durch unsere individuellen Präferenzen und Neigungen in das Motiv erst hineingelegt? Die Götz‘sche Frage nach der Fähigkeit eines Menschen, die Harmonie oder Disharmonie eines Motivs wahrzunehmen, ergibt nur auf Grundlage der ersteren Annahme ihren Sinn, und ich halte sie für gut begründbar.

Mit dieser Annahme einer inneren Ordnung unserer Wahrnehmungsinhalte (die Gestaltpsychologie spricht von der Prägnanztendenz) und seiner Skepsis gegenüber einem Relativismus auch in ästhetischen Dingen zeigt Götz sich in grundsätzlicher Übereinstimmung mit zentralen Positionen der Gestaltpsychologie.

Soweit ich die Literatur über das weitere Schicksal des VAST bis in unsere Tage kenne, teile ich das Urteil von Karin Götz, dass die Intentionen und ursprünglichen Fragestellungen von Götz später weitgehend missverstanden oder ignoriert wurden. Dafür dürfte die Frage „der Objektivität im visuell-ästhetischen Bereich“ maßgeblich gewesen sein, die man in den weiteren Anwendungen, Modifikationen und Interpretationen des VAST offenbar zu eliminieren trachtete.

Nimmt man wahr, dass ein Bild schief hängt, so ist ein Bezugssystem im Spiel, dessen man sich vielleicht gar nicht bewusst ist. Auch die innere Ordnung anderer Wahrnehmungs-Sachverhalte hat mit ihrer Einbettung in solche Bezugsysteme zu tun. Bei den VAST-Motiven kann man ihre Ausgewogenheit vielleicht in den Grenzen ihrer Bildfläche erfassen. Bei anderen Sachverhalten, wozu auch die meisten Kunstwerke zählen, endet „die Sache“, in der sich ihre innere Ordnung herstellt, nicht an ihren eigenen Grenzen, sondern umfasst die dynamischen Zustände der gesamten Umgebung einschließlich der Menschen, die sie wahrnehmen. Das erklärt die ungeheure Mannigfaltigkeit der sachlich gegebenen Ordnungen, macht sie aber nicht beliebig. Dieser Ausgangspunkt des VAST hat das Potential, sein Schicksal im engeren Sinn als Test noch lange zu überleben.

Weiter zu K.O. Götz und die Psychologie der Gestaltwahrnehmung von Herbert Fitzek

Beitragsbild über dem Text: Testbild aus dem VAST (1970—1981). Foto: Till Bödeker.

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