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VAST-Diskussion, Runde 1

  1. Eine Frage der Ordnung von Gerhard Stemberger
  2. K.O. Götz und die Psychologie der Gestaltwahrnehmung von Herbert Fitzek
  3. Is the Visual Aesthetic Sensitivity Test (still) relevant to psychology researchers? von Nils Myszkowski
  4. Discussion on VAST von Riccardo Luccio
  5. The VAST in Psychology today von Thomas Jacobsen, Barbara E. Marschallek, Selina M. Weiler
  6. A designer’s view of (and qualms about) the VAST von Roy R. Behrens


2. K.O. Götz und die Psychologie der Gestaltwahrnehmung

Text: Herbert Fitzek

Übersicht: Die Geschichte der Gestaltpsychologie zeigt, dass die Präsentation bildlicher Vorlagen für verschiedene Zwecke genutzt werden kann: zur Bestimmung von Wahrnehmungsfehlern, von Persönlichkeitsmerkmalen und den die Kunstproduktion und -rezeption kennzeichnenden psychischen Vorgängen. K.O. Götz hatte dazu eine entschiedene Meinung, für ihn ging es um die Bemessung von visuell-ästhetischem Urteilsvermögen; das von ihm konzipierte Bildmaterial öffnet aber breitere Perspektiven.

K.O. Götz ist ein Künstler von Weltruhm. Als Psychologe ist er nicht bekannt und auch nicht ausgebildet, mit seinem Interesse an der Wahrnehmung von abstrakten Figurationen trifft er aber den Kern des Interesses der akademischen Psychologie, die ihren historischen Anfang bei der Untersuchung von Wahrnehmungsvorgängen nahm. Spielten anfangs besonders Übersetzungsfehler einfacher optischer Reizvorlagen eine Rolle (die sogenannten optischen Täuschungen), so bemerkte spätestens Christian von Ehrenfels, dass Wahrnehmung mehr ist als mehr oder weniger korrekte Reizerfassung, sie ist eine produktive Tätigkeit und erschafft sinnerfüllte Gestalten von spezifischer psychischer Qualität („Gestaltqualitäten“). Jenseits von Punkt- und Linienkonstellationen sehen wir in figuralen Gebilden unvermittelt „Ähnlichkeit“, „Dauer“, „Steigerung“, „Widerspruch“ (Ehrenfels 1890). Weniger bekannt wurde, dass Ehrenfels diese Produktionen später nach „Höhe und Reinheit“ der Gestaltbildung bewertete (Ehrenfels 1916).

Die Frage nach den Regeln der Sinnproduktion („Gestaltgesetzen“) entwickelte sich im 20. Jahrhundert zum Hauptthema verschiedener psychologischer Schulen. In der Wahrnehmung rückt zusammen, was ähnlich ist, zueinander passt, sich fortsetzt, ein gemeinsames Schicksal beschreibt und ein passendes Ende findet. Dabei verlegten sich die Ganzheitspsychologen der Leipziger Schule auf die Frage der mehr oder weniger gelungenen Durchformung. Die Fragerichtung verschob sich von der allgemeinen Psychologie auf die Persönlichkeitspsychologie und von der gemeinsamen Wahrnehmungsstruktur auf den Strukturtypus der Wahrnehmenden. Visuell begabte Betrachter bleiben nicht bei einem vagen Gesamtbild stehen (ganzheitlicher „G-Typ“) und verlieren sich auch nicht in die Vielfalt des Wahrnehmbaren (einzelheitlicher „E-Typ“); sie gelangen auf der Basis einer schöpferischen Synthese zu Gebilden von hoher Gestalt-Komplexität und -Qualität („GE-Typ“; vgl. Sander 1960). Aus der Leipziger Schule stammt ein visueller Persönlichkeitstest, der die zeichnerische Vervollständigung von einfachen Strichvorgaben verlangt und nach ästhetischen Maßstäben bewertet (Wartegg-Test, vgl. Roivainen 2013). 

In dieser Tradition ging auch Wilhelm Salber an die Gestaltwahrnehmung heran und orientierte sich wie Sander und Wartegg an ästhetischen Verhältnissen – alle drei Psychologen standen im intensiven Austausch mit Künstlern ihrer Zeit. In einer frühen Arbeit präsentierte Salber Betrachtern eine Rembrandtskizze, alternativ in der Originalfassung und einer eigenen Überarbeitung, und stellte fest, dass die künstlerische Vorlage bereits bei unbedeutenden Veränderungen in ihrer Wirkung beeinträchtigt wird (Salber 1957). Salber interessierte sich aber nicht für die Gestalthöhe der Wahrnehmung oder der Beobachter, sondern für die Verschränkung von gesehener und erlebter Konstellation im Kunsterleben („Bildgerüst und Erlebnisgerüst“). Daraus wurde unter Berücksichtigung eines weiteren, heute beinahe vergessenen Gestaltkonzepts (des russischen Formalismus; vgl. Erlich 1973) eine morphologische Kunstpsychologie, die Ausgewogenheit und Prägnanz von Tendenzen der Abwandlung und Verletzung der guten Form kontrastiert sieht. Kunst steht in Analogie zu Goethes Morphologie zwischen Gestaltbildung und Gestaltbrechung. Salber definiert die Kunst deshalb auch als „Störungsform“, als Form wie als Störung (Salber 1977).

Die drei Fragestellungen der Gestaltwahrnehmung (Wahrnehmungspsychologie, Persönlichkeitspsychologie, Kunstpsychologie) spielen auch bei K.O. Götz und seinem visuellen Sensitivitätstest eine Rolle. Höchst interessant wäre es, den Bezug des von ihm konzipierten Testverfahrens auf andere psychologische Traditionslinien auszuweiten. Noch wichtiger ist die Frage seiner Integrierbarkeit in die kaum überschaubare Breite der aktuellen Testpraxis. Doch scheint mir diese Frage von den Analogien seines Ansatzes zur Psychologie der Gestaltwahrnehmung her diskutierbar. Denn über die Verwendbarkeit als Test entscheiden neben methodologischen Fragen die Zielsetzungen der Messung, zu der sich Götz, wie man weiß, klar geäußert hat. Die Frage des Erkennens objektiv mehr oder weniger ausgewogener Reizvorlagen weist zurück auf die Ehrenfels-Kriterien hoher oder reiner Gestalten. Sie passt zur klassischen Wahrnehmungspsychologie und ihrem Interesse an der Unterschiedsempfindlichkeit des Sinnesapparates, liegt aber nicht in der Hauptrichtung seines Interesses.

Mit dem visuell-ästhetischen Urteilsvermögen thematisiert Götz personale Kompetenzen der Beobachtenden. In der Tat wäre es etwa für Tauglichkeitsprüfungen in visuell stark geforderten Berufen wichtig, die Sensibilität der Probanden für ausgewogene vs. unausgewogene Bildalternativen festzustellen. Allerdings gerät Götz mit der Bevorzugung des objektiv besseren Bildes und der entsprechend richtigen Bildwahl durch visuell begabte Betrachter in die heute kaum mehr zu rechtfertigende Bewertungstradition der oben angesprochenen Persönlichkeitsklassifikation. Sein fruchtbarer Ansatz und das wertvolle Bildmaterial könnten aus meiner Sicht für eine Revision des persönlichkeitsbezogenen Ansatzes im Hinblick auf kunstpsychologische Fragestellungen aufgeschlossen werden: Was passiert bei der Vorlage der Bilder und in welche Abgleichungs-/Entscheidungsprozesse geraten Probanden im Dialog mit dem – einmal abgesehen vom wissenschaftlichen Nutzen großartig gestalteten – Bildmaterial? Das Projekt könnte aus meiner Sicht den Sprung aus der Ecke der (objektiven) Persönlichkeitsbewertung in die offene Diskussion der Kunst- und Wirkungspsychologie hinein wagen.

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Literaturangaben

Ehrenfels, C. v. (1890): Über Gestaltqualitäten. In: Vierteljahresschrift für wissenschaftliche Philosophie, 14, 249–292

Ehrenfels, C. v. (1916): Kosmogonie. Jena: Diederichs.

Erlich, V. (1973): Russischer Formalismus. Frankfurt/M.: Suhrkamp.

Roivainen, E. (2013): A Brief History of the Wartegg Drawing Test. In: Gestalt Theory 31, 55–71.

Salber, W. (1957): Bildgefüge und Erlebnisgefüge. In: Jahrbuch für Psychologie, Psychotherapie und medizinische Anthropologie 5, 72–81.

Salber, W. (1977): Kunst – Psychologie – Behandlung. Bonn: Bouvier.

Sander, F. (1960): Goethe und die Morphologie der Persönlichkeit. In: Friedrich Sander, Hans Volkelt (Hrsg.): Ganzheitspsychologie (321341). München: Beck.

Zitierweise

w/k-Redaktion (2020): VAST-Diskussion, Runde 1. w/k - Zwischen Wissenschaft & Kunst. https://wissenschaft-kunst.de/vast-diskussion-runde-1/

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