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VAST Zu den 6 Statements

Text: Karin Götz | Bereich: Über „Kunst und Wissenschaft“

Übersicht: In der zweiten Runde der VAST-Debatte antwortet Karin Götz auf die Aussagen von Gerhard Stemberger, Herbert Fitzek, Nils Myszkowski, Riccardo Luccio, Thomas Jacobsen/Barbara E. Marschallek/Selina M. Weiler und Roy R. Behrens, die in der ersten Runde veröffentlicht wurden.

Vorbemerkung der w/k-Redaktion

Auf der Grundlage von Karin Götz‘ Artikel Karl Otto Götz als Psychologe und der Diskussion mit Karin Götz über den VAST hat die w/k-Redaktion zusammen mit Fachleuten eine auf vier Runden angelegte Debatte über den von Götz in den 1970er Jahren entwickelten Visual Aesthetic Sensitivity Test (VAST) geplant; siehe VAST-Diskussion: Der Plan. An VAST-Diskussion, Runde 1 haben sich mit pointierten Statements beteiligt: Gerhard Stemberger, Herbert Fitzek, Nils Myszkowski, Riccardo Luccio, Thomas Jacobsen/Barbara E. Marschallek/Selina M. Weiler und Roy R. Behrens. Alle Teilnehmer haben einen engeren Bezug zur Psychologie im Allgemeinen und zur auf die ästhetische Dimension bezogenen Testpsychologie im Besonderen. In Runde 2 reagiert Karin Götz (als Malerin Rissa) nun auf diese Texte. Die Zitate stammen aus den sechs Statements; da es in w/k keine Seitenzählung gibt, entfällt hier die Angabe von Seiten.

Karin Götz

Ich danke für die sechs Statements zu den beiden Artikeln und zum Visual Aesthetic Sensitivity Test (VAST), die zeigen, dass mit dem VAST in verschiedener Weise gearbeitet wurde. Ich stelle zunächst einige der in den sechs Texten geäußerten Punkte dar; diese sind zum Teil Einwände gegen den VAST. Danach gehe ich ausführlicher auf die Gründe ein, die Karl Otto Götz zur Entwicklung des Tests bewogen hatten.

Gerhard Stemberger bemerkt zu Recht, dass Götz mit dem VAST versucht hat, gegen den ästhetischen Relativismus anzugehen. Dieser wird beim visuell-ästhetischen Erleben von Menschen oft ganz selbstverständlich mit der Bemerkung: „Das ist ja Geschmackssache“ bekundet. Außerdem gibt Stemberger zu bedenken, dass Götz die Komplexität der Ästhetik mit der Suche nach nur einem Merkmal, der guten (ausgewogenen) Gestalt, möglicherweise zu eindimensional behandelt.

Herbert Fitzek wirft eine wichtige Frage auf:

„Was passiert bei der Vorlage der Bilder und in welche Abgleichungs- und Entscheidungsprozesse geraten die Probanden im Dialog mit dem […] Bildmaterial?“

Zudem erwähnt er, dass Götz‘ Ziel, die unterschiedliche visuelle Sensibilität von Menschen herauszuarbeiten, heutzutage nicht gerade begrüßt wird. Dem stimme ich zu, denn meiner Meinung nach leben wir in einem Zeitalter, in dem die Betonung ungleicher menschlicher Fähigkeiten häufig als anstößig angesehen wird. Das geschieht, um die angestrebte gesellschaftliche Harmonie nicht zu gefährden.

Wenn Riccardo Luccio über den VAST schreibt, dann bezieht er sich auf den VAST-R, den die Psychologen Myszkowski und Storme aus dem VAST von Götz abgeleitet haben. Ich kenne diese Testversion nicht. Zudem macht er darauf aufmerksam, dass der VAST nichts mit einem – so meine Ergänzung: idealistisch geprägten – Schönheitsbegriff zu tun hat, sondern eindimensional nur eine einzige Fähigkeit misst. Das muss das Eysencksche T sein. Dieses T kam im Denken von Götz nicht vor. Luccio schreibt weiter sinngemäß, dass die zeitgenössische Psychologie eine ausgeprägte Tendenz gezeigt hat, Prägnanz (ein Begriff der Gestalttheorie, der wahrnehmbare Einfachheit bedeutet) nur mit Einfachheit zu identifizieren, und er meint:

„VAST is a further empirical demonstration of the erroneousness of this identification: a perception can be prägnant even if complex, provided it is balanced, harmonious, good in the Gestalt sense”.

Das Psychologenteam Thomas Jacobsen/Barbara E. Marschallek/Selina M. Weiler kritisiert ebenfalls, dass beim VAST zu eindimensionale Bewertungen der ästhetischen Sensibilität vorgenommen werden. Daher schlagen sie einen ästhetischen Quotienten vor, der andere Facetten der ästhetischen Fähigkeit –­ wie künstlerisches Wissen, Sensibilität für Komplexität und ästhetisches Einfühlungsvermögen – beinhaltet.

Vom Kunstlehrer, Künstler und Designer Roy R. Behrens wird kritisiert, dass Götz beim VAST nur nach der ausgewogenen Gestalt, der Harmonie gefragt habe; die unausgewogenen Gestalten, die doch künstlerisch auch eine Rolle spielen würden, seien nicht mit einbezogen worden.

Der Psychologe Nils Myszkowski hat aus dem ursprünglichen VAST den VAST-R destilliert. Mir ist noch nicht hinlänglich klar, welche Gründe er dafür hatte, den VAST durch Kürzung der Anzahl der Bildpaare zu verändern. Vor Götz‘ Tod fand auch kein Kontakt mit ihm und mir statt, so dass ich keine Vorstellung von der Art der Veränderung bekommen konnte. Sein Bestreben, bestimmte grenzwertige Bildpaare wegzulassen, halte ich aber für diskutabel.

Außerdem kümmert sich Myszkowski beim VAST auch um die Antwortzeiten, was ich als einen interessanten Punkt betrachte. Denn ich habe bis in die 1980er Jahre hinein mit dem VAST viele Probanden getestet, und meistens war die schnelle auch die richtige Antwort. Damals kam mir schon der Gedanke, dass die Schnelligkeit der richtigen Antwort etwas mit der ästhetischen Sensibilität zu tun haben könnte.

Zudem schreibt Myszkowski:

“it is often pointed that the content of the test is not representative of visual art in general, as it is exclusively composed of paintings by K.O. Götz, and operationalizes aesthetic quality only in terms of certain features (notably balance).”

Weiter heißt es:

“Being able to study aesthetic sensitivity requires being able to measure it, which, although challenging, comes with the reward of allowing researchers to study (for example) when, how, and under which conditions individuals develop such expertise – when exposed to art, when discussing art, when creating art themselves, etc.”

Die Reaktionen von fünf Psychologen, zwei Psychologinnen und einem Kunstlehrer auf den VAST und dessen von mir aufgearbeitete Entstehungsgeschichte haben mich gefreut und mir gezeigt, dass der Test weiter in der psychologischen Forschung mit unterschiedlichen Fragestellungen benutzt worden ist – allerdings ohne Götz zu kontaktieren. Mir ist auch nicht bekannt, auf welchem Weg diese Forscher den Test kennengelernt haben.

Da Götz nicht mehr zusammen mit Berlyne und Eysenck weitere Fragen zum Test bearbeiten konnte, sind jetzt die wahrnehmungspsychologischen Forscher*innen und die Persönlichkeitsforscher*innen an der Reihe, sich über den Wert des VAST – eventuell auch in abgewandelter Form – für ihre Forschung zu äußern. Dabei sollte auch gefragt werden, in welchem Verhältnis die verschiedenen Persönlichkeitsprofile zur unterschiedlichen ästhetischen Sensibilität stehen. Ein Intelligenztest dient dazu, die Intelligenz von Menschen schneller einschätzen zu können; entsprechend kann auch die sinnliche Wahrnehmungsfähigkeit des Menschen getestet werden.

Ich stelle nun einige von Götz in der Zeit von 1959 bis 1985 angestellte Überlegungen zum VAST, zur bildenden Kunst und zur ästhetischen Erziehung vor und greife dabei auch auf eigene Erfahrungen als Kunstprofessorin an der Kunstakademie Düsseldorf zurück, die ich von 1969 bis 2007 machte.

Was die Verbindung von bildender Kunst und Psychologie, speziell Testpsychologie, anbelangt, so kommt Götz wohl eine Sonderstellung zu: Als er den VAST entwickelte, war er als führender Vertreter der informellen Malerei weltweit anerkannt. Als Autodidakt erarbeitete er sich gründliche und differenzierte Kenntnisse der wissenschaftlichen Psychologie, arbeitete den Forschungsstand auf, eignete sich Kenntnisse in Mathematik, Statistik, experimentelle Psychologie usw. an. Eysenck hat in den 1970er Jahren dazu einmal scherzhaft gesagt: „Sie sind im Augenblick der einzige bildende Künstler auf der Welt, der für die wissenschaftliche Psychologie etwas leisten kann.“

In gewisser Hinsicht ist der Test jedoch unvollendet geblieben. Götz hatte noch vor, hinreichend viele Personen zu testen, um seine Vermutung, dass es graduelle Unterschiede der ästhetischen Sensibilität von Menschen gibt, noch besser bestätigen zu können. Bereits die damaligen Tests zeigten jedoch zweierlei: Erstens gibt es einige Menschen – das müssen nicht immer bildende Künstler*innen sein –, die auf hohem Niveau ohne Training, von Natur aus sozusagen, über eine hohe ästhetische Sensibilität (verstanden als visuell-ästhetische Kompetenz) verfügen. Zweitens können die meisten Menschen durch Training einen höheren Grad von ästhetischer Sensibilität erlangen. Drittens gibt es eine kleine Anzahl von Menschen, die bleiben stumpf, was die ästhetische Sensibilität anbelangt.

Götz hatte mit geisteswissenschaftlicher Kunstkritik und philosophischer Ästhetik wenig zu tun. Wenn es um die Form, die ästhetische Dimension in der Kunst (insbesondere der Malerei) ging, dann vertraute er seiner eigenen (und meiner) visuellen Erkenntniskraft, der von hochrangigen Künstlerinnen und Künstlern der Gegenwart, den Augen von Architekten und Gebrauchsgrafikern. Er vertrat die Auffassung, dass es wahrscheinlich in jedem Kulturkreis wenige Personen gibt, die, ohne besonders trainiert worden zu sein, eine hohe ästhetische Sensibilität besitzen: Das können Hausfrauen, Handwerker, Starkstromelektriker, Florist*innen, Konditor*innen, Schneider*innen usw. sein. Ansonsten war das Erlernen und Trainieren von künstlerischer Sensibilität an Kunstgewerbe- und Kunsthochschulen bis zur Generation von Götz das A und O. Es war bis zu dieser Zeit noch die selbstverständliche Aufgabe von Kunstlehrer*innen, die Studierenden beim Bildermalen und Zeichnen daran zu erinnern, bei ihrer künstlerischen Arbeit genau hinzusehen, um die anschaulichen Kompositionsverhältnisse auf den zweidimensionalen Bildvorlagen in eine gewisse Balance zu bringen. Es gab damals an der Kunstakademie Düsseldorf noch Zeichnen nach der Natur. Jetzt könnte man die Frage stellen: Bei wie vielen Personen, die Bilder malen, wird diese Sensibilität im sonstigen Alltagsleben sichtbar? Kommt sie bei einigen Maler*innen nur im Rahmen der zweidimensionalen Bildvorlage vor, während ansonsten im Atelier oder in der Wohnung Chaos zu sehen ist?

Bezogen auf eine derartige Unordnung ist eine Aussage von Jacobson/ Marschallek/Weiler interessant. Sie schreiben über VAST-R getestete Personen:

 “the results suggest that participants who strive for individuality exhibit lower visual aesthetic sensitivity since they tend to violate norms in order to assert their uniqueness.”

Das bedeutet, dass bei diesen Probanden wahrscheinlich das Gefallensurteil im Vordergrund steht; da das gesuchte ausgewogene Bild für sie keine – ich möchte es mal so nennen – visuell-ästhetisch erregenden Fehler aufweist, wählen sie es erst gar nicht. Allerdings wissen wir damit noch nicht, ob sie mit oder wegen ihrer Persönlichkeitsveranlagung erkannt haben, dass sie nach den Regeln der Versuchsanordnung das falsche Bild gewählt haben. Wir konnten beim Testen feststellen: Das ist von Fall zu Fall der Normabweichung verschieden. Diese Fragen sind und bleiben interessant, und ich weiß aus Erfahrung auch verschiedene Antworten. Die menschliche Natur ist in ihrer Kombination von Einstellungen und Fähigkeiten sehr variabel und erfinderisch.

Götz verstand unter Ästhetik die Lehre von der Wahrnehmung. Bei zweidimensionalen ebenen Bildvorlagen (Kunstbild, Naiv-Bild oder Foto) ging es ihm hinsichtlich der visuell-ästhetischen Dimension nicht um Schönheit oder den guten Geschmack das mag Eysenck irgendwo ins Spiel gebracht haben, Götz‘ Problem war es jedenfalls nicht. Als nichtfigurativem Maler ging es bei seinen Versuchen immer um die Wahrnehmung der visuellen Ästhetik auf zweidimensionalen Bildvorlagen. Ihm ging es – um noch einmal eine altmodische Begrifflichkeit zu verwenden – einerseits um die Suche nach hässlicher, unharmonischer Struktur, modern ausgedrückt nach Unausgewogenheit, andererseits im Vergleich um die Suche nach schöner oder harmonischer Struktur, nach Ausgewogenheit.

Obwohl die Wörter schön und hässlich bezogen auf die Bildvergleiche des VAST durch ausgewogen und unausgewogen ersetzt wurden, habe ich sie eben wieder in einem Satz neben ausgewogen und unausgewogen aufgeführt. Die Ambivalenz ist beabsichtigt, weil diese beiden uralten Begriffe noch heute im allgemeinen Sprachgebrauch benutzt werden. Und meistens wird das Schöne dem Hässlichen vorgezogen. Beim VAST jedoch geht es nicht um Bewertung, sondern um Erkenntnis: Ich bin in der Lage, das ausgewogene Bild herauszupicken, auch wenn mir das unausgewogene besser gefällt. Götz hätte die Probanden auch anweisen können: Benennen Sie bei den Bildpaaren das Bild, welches unausgewogen gestaltet worden ist. Er hat sich anders entschieden und nach dem ausgewogenen Bild gefragt, wobei das unausgewogene Bild im Vergleich ja mit im Spiel war.

Ich wiederhole, Götz benutzte die von ihm à la Götz gestalteten Bildpaare im VAST nicht als Kunstwerke, sondern als anschauliche Figurationen in zweidimensionalen Bildvorlagen, die komplexer als eine Linsenform angeordnet sind. Daher ist der Einwand, im VAST würden Kunstwerke von Götz vorgestellt, nicht tragfähig, denn im Test fungieren sie als visuell komplexe zweidimensionale Bildvorlagen, und es geht beim VAST nicht um das komplexe Gebiet der bildenden Kunst, sondern um die visuelle Wahrnehmung von unterschiedlich gestalteten Formstrukturen bei Bildpaaren, wobei immer ein Bild durch formale Störungen die sakkadische Bewegung der Augen aufhält.

Nun will ich noch etwas zur bildenden Kunst sagen. Denn in zwei Statements wird diesem Metier die meiste Strahlkraft zugetraut, um ästhetische Sensibilität zu vermitteln. Götz dachte demgegenüber: Bei der Erforschung der visuell-ästhetischen Sensibilität sind am Anfang gerade nicht Werke der bildenden Kunst zu benutzen; er wollte vielmehr ein ABC von verschiedenen einfachen visuell-ästhetischen Formstrukturen entwickeln. Daher fing er beim VAST nicht mit der multiplen Komplexität von bildender Kunst an.

Bei der Beurteilung von Bildkunstwerken werden nach unserer Auffassung vier Dimensionen wirksam: die ästhetische Dimension, bei figurativen Bildkunstwerken die semantische Dimension, die motivationale Dimension und die künstlerische Dimension.[1] Als ehemaliger Kunstlehrer wusste Götz und weiß ich, dass mit diesen Dimensionen Bildkunstwerke nur teilweise beschrieben werden können. Aber was bei einem komplexen Bildkunstwerk visuell-ästhetisch tatsächlich in der Verarbeitungszentrale im Kopf des Menschen ankommt, bleibt ein höchst individueller Vorgang. Daher hielten wir es für verfehlt, zu Beginn der Forschung über ästhetische Sensibilität nach einem ästhetischen Quotienten zu fragen, das stellt eine semantische Überladung dar. Fragen Sie bildende Künstler, was sie z. B. unter künstlerischem Wissen verstehen. Da werden Sie ihr blaues Wunder erleben. Besonders heute in der Zeit des Eklektizismus in der bildenden Kunst und der Tendenz, vorrangig die semantische Dimension von Kunstwerken zu bewerten. Daher werden gegenwärtig Urteile über Bildwerke besonders heterogen, wenn nicht gar verworren ausfallen.

Bezogen auf den VAST vermute ich weiterhin, dass einige Probanden mit etwas ästhetischer Sensibilität bei einem Vergleich zweier ähnlicher Bilder eine Störung bei einer der Bildvorlagen wahrnehmen werden, um dann, weil danach gefragt, das ausgewogene benennen zu können. Götz wollte eben mit einfachen Schritten beginnen. Auch für mich war der Weg, zuerst einmal visuell ganz unten anzufangen, der richtige.

Ob ich jetzt genug über das Erlernen von ästhetischer Sensibilität, besonders durch bildende Kunst (sie anschauen, darüber reden oder selber machen) geschrieben habe? Ich kann nur sagen, mehr oder weniger ausgeglichen veranlagte Personen, die bildende Kunst als Malerei ausüben, lernen dabei nach und nach ein gewisses Maß an ästhetischer Sensibilität, und das durch Dauertraining. Wir haben durchschnittlich begabten Studierenden gesagt: Sie brauchen ungefähr zwei Jahre, bis Sie alleine laufen können.

Der andere Pol der Kunstgeschichte sind die malenden Künstler*innen, Ausnahmeseher*innen und Schöpfer*innen, die von Natur aus eine herausragende ästhetische Sensibilität besitzen. Denken wir nur an den Maler Pablo Picasso (1881–1972), wie er als Destruktionsgenie in die Geschichte der Malerei eingegangen ist. Für ihn wäre so ein Test zu banal gewesen, so dass er ihn unausgefüllt auf der Wäscheleine aufgehängt hätte. Im Sinne von: für einen Löwen Vogelfutter. Picassos Formstärke lag gerade im Ausbalancieren von unausgewogenen und ausgewogenen Formelementen. Am besten zu sehen beim Guernica-Gemälde. Wobei das Formelemente-erfinden-Wollen hier die stärkste Triebkraft war. Um die Quote für Frauen zu erfüllen, erwähne ich in diesem Kontext die Malerinnen Georgia O`Keeffe (1889–1986) und Frieda Kahlo (1907–1954). Es existieren wahrscheinlich, grob gesprochen, zwei visuell-ästhetische Sensibilitäten, die Mikro-Sensibilität zum Beispiel eines Georges Seurat (1859–1891) und die Makro-Sensibilität eines Picasso.

Zum Schluss komme ich am Beispiel von Picasso noch einmal auf die Balance zwischen den Formelementen Ausgewogenheit und Unausgewogenheit zurück. Es war ein Zufall, dass Götz nicht das unausgewogene Bild hat suchen lassen. Die Probanden hatten die Wahl zwischen ausgewogen und unausgewogen, zwischen relativer Ordnung und Unordnung. Um mehr ging es nicht.

An den besten Bildern von Picasso kann man sein grandioses Spiel von unausgewogener und ausgewogener Formstruktur kennenlernen. Und nur aus beiden Polen ist in einer geheimnisvollen Balance immer bedeutende Malerei entstanden. Das wäre dann heißer Kaffee, schwarz und ungesüßt. Wohingegen lauwarme Malerei immer lauer Milchkaffee bleibt. Manchem schmeckt auch dieser.

Zusammenfassend greife ich erneut einige Gedankenfäden auf. Götz hat, wie Stemberger verdeutlicht und hervorhebt, mit dem VAST versucht, gegen den ästhetischen Relativismus anzugehen. Er dachte in einer Zeit daran, als das noch sinnvoll erschien. Er fing mit dem VAST an, das visuelle Urteilsvermögen von Menschen zu untersuchen. Er hat bei den Bildpaaren mit einfachen Formelementen begonnen, die von ihm nicht als Kunst beurteilt wurden. Wenn der VAST weiterentwickelt worden wäre, dann hätte Götz mit Berlyne sicher „breitere Perspektiven“ (wie Herbert Fitzek es nennt) der visuellen Ästhetik in Richtung bildende Kunst, Handwerk, Architektur, verkorkste Form, gelungene Form usw. in das Blickfeld genommen.

Götz wusste als bedeutender Maler schon, dass ästhetischer Relativismus in gewisser Weise auch eine Art Freiheit für die Menschheit bedeutet. Man denke nur an die vielen Tattoo-Bilder, die inzwischen millionenfach die Haut von Menschen auf der Welt verzieren. Aber zu viel von diesem ästhetischen Relativismus bedeutet längst nicht mehr Aufbau von Kultur, sondern Verfall.

Beitragsbild über dem Text: Testbild aus dem VAST (1970—1981). Foto: Till Bödeker.


[1] Vgl. K.O. Götz und Karin Götz: Probleme der Bildästhetik. Düsseldorf 1972.

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