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„Kunst-und-Wissenschaft“ in anderen Medien – Teil XI

Text: Stefan Oehm | Bereich: Beiträge über Künstler

Übersicht: Kunst und Wissenschaft. Das klingt für viele so gegensätzlich wie Feuer und Wasser. Dabei sind sich beide so nahe wie Geschwister. Und das schon seit antiker Zeit. Was damals galt, gilt auch heute: Die Kunst sucht die Nähe der Wissenschaft – und die Wissenschaft die Nähe der Kunst. Und Stefan Oehm begibt sich in der Reihe „Kunst und Wissenschaft“ in anderen Medien auf die Spurensuche: nach Ausstellungen, Aufführungen, Büchern, Symposien und Zeitungsartikeln zum Thema.

Wenn Sie auf weitere „Kunst und Wissenschaft“-Beiträge stoßen, so wenden Sie sich bitte an: stefan.oehm@betriebsbereit.de. Ihr Hinweis wird dann in der nächsten Runde dieser Reihe unter Nennung Ihres Namens veröffentlicht.

1. Tanzhaus NRW: Festival Temps d’images

Tanz trifft Technologie: In dem durch den deutsch-französischen Sender ARTE initiierten Festival TEMPS D’IMAGES (dt. Zeit der Bilder) wurden im Tanzhaus NRW Düsseldorf vom 10. Januar bis 18. Januar 2020 bereits zum 15. Mal die Grenzen zwischen Mensch und Maschine ausgelotet. Namhafte Choreograf*innen, Performer*innen, Tänzer*innen und Medienkünstler*innen begaben sich im Rahmen ihrer künstlerischen Auseinandersetzung auf die Suche nach den Schnittstellen von digitalen und analogen Körpern. So lud der schwedische Choreograf und Performer Noah Hellwig die Besucher*innen zur Teilnahme an seinem Werk Multiplex Realities ein. Es arbeitet mit der Vorstellungskraft sowie der Virtual-Reality-Technologie, um die unterschiedlichen Wirklichkeitsebenen ineinander fließen zu lassen, die die Besucher*innen in einem analogen und einem digitalen Raum erfahren. Die verschiedenen Erfahrungen, die sie dort machen, bauen aufeinander auf, werden verwoben und verbinden sich in einem besonders eindrücklichen Gesamterlebnis. Der kanadische Künstler Stéphane Gladyszewski inszenierte in seiner Performance Corps noir (dt. Schwarze Körper, ein aus der Physik entlehnter Begriff: Ein Schwarzer Körper absorbiert elektromagnetische Strahlung vollständig und sendet seinerseits Wärmestrahlung aus) seinen Körper als Projektionsfläche und Resonanzkörper und wob ihn mithilfe eines Projektors, der Stroboskop-Effekte produzierte, in eine Hülle lebendigen Lichts ein. Und der Medienkünstler Choy Ka Fai beschäftigt sich gemeinsam mit der Performance-Künstlerin Mária Júdová in der Arbeit Constellation of the flesh mit dem choreografischen Ausdruck von Trance in schamanistischen Bewegungen.

Tanzhaus NRW, Festival Temps d’images, 10. Januar 2020 – 18. Januar 2020

2. Banz & Bowinkel, Louisa Clement und Felicitas Rohden: SAD BOT TRUE

Was hätte sein können, wenn Covid-19 der Kultur im März nicht einen Strich durch die Rechnung gemacht hätte? Dann hätte zum Beispiel in der Galerie Kunst & Denker Contemporary die Ausstellung SAD BOT TRUE eröffnet werden können, in der Louisa Clement, das Künstler-Duo Banz & Bowinkel und Felicitas Rohden ihre künstlerischen Positionen gezeigt hätten. Sie wären dort in je spezifischer Weise der Frage nachgegangen, was einen Menschen ausmacht und welche Rolle der menschliche Körper im Zeitalter virtueller Reproduzierbarkeit spielt – stehen wir doch an einem Punkt, wo wir zwar noch nicht mit Robotern verschmelzen, sich unser Körper aber manipulativ optimieren lässt.

Dieser Körper, eingebunden in ein spannungsreiches Wechselspiel zwischen Künstlichkeit und Menschlichkeit, zwischen Virtualität und Realität, steht bei Louisa Clement selbst im Zentrum ihrer Arbeiten. Körperbewegungen, die aufgezeichnet und mithilfe von Computerprogrammen in neue Bildwelten überführt werden, sind künstlerisches Thema bei Giulia Bowinkel und Friedemann Banz: Was bedeutet Bildgenese im 21. Jahrhundert, und wie manifestieren sich Fragestellungen im digitalen Zeitalter? Felicitas Rohdens Werke schließlich bewegen sich im ständigen Transfer von digital und analog. Die Bilder ihrer analog gebauten Skulpturen wirken wie digitale Körper im zeitlosen Raum, die den Betrachter im März dazu eingeladen hätten, in die „quantenphysischen Welten der Künstlerin einzutauchen“ einzutauchen. Wenn denn nicht SARS-CoV-2 gewesen wäre.

Banz & Bowinkel, Louisa Clement und Felicitas Rohden: SAD BUT TRUE, Galerie Kunst & Denker Contemporary

3. Wolfgang Ullrich: Verwechslungsgefahren, Folge 9: Gemeinsam stark

Dass die Auseinandersetzung von Kultur- und Kunstschaffenden mit dem Grenzbereich von Kunst und Wissenschaft längst kein randständiges Phänomen mehr ist, zeigt die Lektüre eines Textes des Kulturwissenschaftlers Wolfgang Ullrich im Magazin Halle 4 der Deichtorhallen Hamburg. Im Rahmen seiner Serie über Verwechslungsgefahren in der Kunstwelt widmet er die 9. Folge dem Konzeptkünstler und Wissenschaftler Tim Otto Roth „sowie der Frage, wieso es gerade in Zeiten gesteigerter Wissenschaftskritik angebracht sein kann, dass die Wissenschaft sich mit der Kunst verbündet“. Roth zeigt, wie es Künstler*innen gelingen kann, „dank ihrer gestalterischen Fähigkeiten als auch […] ihrer ästhetischen Sensibilität […], die Ergebnisse von Experimenten und Messungen in eine produktive Form zu bringen“. So vermochte es Roth mithilfe seiner Installation AIS3 [aiskju:b] erstmals, Neutrinos „in eindrücklicher Weise sinnlich erfahrbar [zu machen]“, wie die Physikerin Elisa Resconi von der Technischen Universität München betont. Damit leistet Roth als Künstler einen faktischen Beitrag für die Wissenschaft. Mit ihm formuliert er seinen Anspruch, „sich zugleich von Künstlern [zu distanzieren], die Sujets der Wissenschaft aus seiner Sicht nur effektbetont einsetzen“. Wie zum Beispiel von dem renommierten Fotokünstler Thomas Ruff und seiner Fotoserie Sterne, bei der dieser originale Platten der Europäischen Südsternwarte (ESO) – ohne jeden Bezug zum wissenschaftlichen Gehalt – großformatig abzog. Für Roth ist dies gleich „mehrfach Nonsens, also sinnentleert“ und schlicht eine Zerstörung des wissenschaftlichen Werts dieser Fotografien. Demgegenüber ist Roth bestrebt, so Ullrich, die Grenzen zwischen Kunst und Wissenschaft zu öffnen, sie in einen engeren Austausch miteinander zu bringen – und damit beide, Kunst wie auch Wissenschaft, zu stärken: „Nur gemeinsam – so Roths bemerkenswerte These – sind Wissenschaft und Kunst stark genug, um gegenüber dem Populismus und gegenüber Vereinfachern, Demagogen und Ideologen bestehen zu können.“

Wolfgang Ullrich: Verwechslungsgefahren, Folge 9: Gemeinsam stark, Magazin Halle 4 Deichtorhallen Hamburg, 07. Mai 2020. Mehr Infos: imachination.net, ZKM.

4. Jeremy Shaw: Phase Shifting Index

In ihrer Ankündigung zur Ausstellung des kanadischen Künstlers Jeremy Shaw Phase Shifting Index, einer Sieben-Kanal-Videoinstallation, die sich über das gesamte Gebäude des Frankfurter Kunstvereins erstreckt, schreibt dessen Direktorin Franziska Nori: „[Jeremy Shaw] interessiert sich für die Sehnsucht des Menschen, nicht nur über eine rein kognitive und quantifizierende Weise auf Dinge zu sehen, sondern sich auf eine umfassendere Weise der Welt zu nähern – jenseits der Grenze des durch Vernunft Erfahrbaren.“ Nori konnte nicht ahnen, dass sich durch den zweiten Corona-bedingten Lockdown des Jahres 2020 Jeremy Shaws Arbeit plötzlich als Sandwich-Ausstellung erweist, die sich damit auf eine so brandaktuelle wie gänzlich unvermutete Weise der Welt nähert. Jeremy Shaw beschäftigt sich in seiner künstlerischen Untersuchung mit kulturellen und wissenschaftlichen Praktiken, in denen die Transformation von Wahrnehmung über das Ausagieren leiblicher Bewegung stattfindet. Seine aktuelle Arbeit Phase Shifting Index im Frankfurter Kunstverein lässt sich als „erzählerische Antizipation zukünftiger Gesellschaftsentwicklungen und Fiktionen möglicher Zukunftsszenarien der Menschheit im post-humanen Zeitalter“ lesen. Dabei präsentiert er, auf Basis vermeintlich dokumentarischen Filmmaterials aus der Perspektive einer noch fernen Zukunft, Menschen aus unterschiedlichen Epochen, die „rituelle und kathartische Bewegungssequenzen [ausführen], bis eine synchrone Farb- und Soundexplosion den Durchbruch in eine unerwartete digitale Umwandlung auslöst und alles in eine parallele Realitätserfahrung synchronisiert“. Dabei verwandeln sich die Bildwelten der gesamten Installation „innerhalb von Sekunden von einer parafiktionalen, dokumentarischen Zusammenstellung zu einer immersiven, psychedelischen Kunstinstallation“.               

Jeremy Shaw: Phase Shifting Index, Frankfurter Kunstverein 25. September 2020 –24. Januar 2021.

5. gaehtgens.hirsch: Nährboden

Im Neuen Kunstraum (NKR) in Düsseldorf war ab Oktober 2020 das Künstlerduo gaehtgens.hirsch (Daniela Maria Hirsch/David Gaehtgens) mit seinem Projekt Nährboden, einer künstlerisch-anthropologischen Erkundung gemeinschaftlichen Arbeitens und Denkens, zu Gast – ein Projekt, das durch die COVID-19-Pandemie völlig unvermittelt und gänzlich unabsichtlich eine höchst brisante Aktualität bekommen hat. gaehtgens.hirsch nutzen die mikrobiologische Dimension von Gemeinschaft als Metapher ihrer Arbeit, verwenden „den Ausstellungsraum als Petrischale und setzen ein Nährmedium an aus verschiedenen Partikeln“. Ganz im Sinne dieser Metapher befüllt das Künstlerduo den Raum als künstlerisches Experimentierfeld mit konkreten Materialien und schließt den Deckel der Schale resp. des Kunstraums. Für einen optimalen Austausch im Nährmedium/Kulturmedium sorgt der Gedankenaustausch in Gesprächen, für die eigens der Audio-Kanal TOGETHERradio gegründet wurde. Über den Zeitraum von fünf Wochen werden die Prozesse des Wucherns und Wachsens beobachtet, wöchentlich setzt das Duo in den Gesprächen einen neuen Schwerpunkt in der Fragestellung, den sie in verschiedenste Zusammenhänge und Konstellationen einbetten: Wenn die Menge meiner körperlichen Zellen gleich groß ist wie die Menge der in und mit mir lebenden Organismen, was heißt das eigentlich für mein Selbstverständnis? Und für das Verständnis über mich hinaus? Wie weit erstreckt sich mein Boden, und welche Nahrung ist im Angebot?

gaehtgens.hirsch: Nährboden, Neuer Kunstraum, Düsseldorf, 8. Oktober – 8. November 2020. Mehr Infos: NKR.


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Beitragsbild über dem Text: Unbekannter Autor (2016). Urheberrecht: Creative Commons CC0.

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