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Wulf Noll. Teil 1: Grenzgänger zwischen Philosophie und Literatur

Text: Heinrich Geiger und Wulf Noll | Bereich: Grenzgänger

Übersicht: Anlässlich seines neuen Postmoderne-Buches wird Wulf Noll als Grenzgänger zwischen Philosophie und Literatur ins Spiel gebracht. Heinrich Geiger stellt dieses Buch in Teil 1 vor. Danach gibt Noll eine kurze Übersicht über sein Leben und Werk.

Vorbemerkung des w/k-Herausgebers

In w/k stoßen Grenzgänger zwischen Wissenschaft und bildender Kunst auf besonderes Interesse; einen herausgehobenen Stellenwert haben Herbert W. Franke und Karl Otto Götz. Am Rand kommen aber auch Grenzgänger anderer Art zur Geltung, z.B. Ira Seidenstein. „Ira Seidenstein is a professional clown, clown trainer and academic exploring the interface between science and the theatre stage (broadly defined): he is a lecturer, actor, performer, director and author.“ Oder Eva Verena Müller. Sie ist sowohl Schauspielerin als auch Wissenschaftlerin, die über Waldökologie promoviert.

Anlässlich seines neuen Postmoderne-Buches wird nun Wulf Noll als Grenzgänger zwischen Philosophie und Literatur ins Spiel gebracht. Heinrich Geiger stellt dieses Buch in Teil 1 vor. Danach gibt Noll eine kurze Übersicht über sein Leben und Werk. Teil 2 besteht aus einem Interview mit dem Grenzgänger zwischen den Kulturen Europas und Asiens, vor allem Japans und Chinas.

Meine persönliche Verbindung zu Noll soll nicht unerwähnt bleiben: Seine philosophische Dissertation Sloterdijk auf der ‚Bühne‘. Zur philosophischen und philosophiekritischen Positionsbestimmung des Werkes von Peter Sloterdijk im Zeitraum von 1978–1991 wurde Anfang der 1990er Jahre von mir betreut und erschien 1993 im Essener Verlag Die blaue Eule in der Reihe Illusionstheorie – Ideologiekritik – Mythosforschung.

Buchcover (2023). Foto: Archiv des Autors.
Buchcover (2023). Foto: Archiv des Autors.

Heinrich Geiger: Über Nolls neues Postmoderne-Buch

2023 ist im Verlag Königshausen & Neumann (Würzburg) erschienen Ästhetische Aspekte in der modernen und in der postmodernen Philosophie am Ende des 20. Jahrhunderts. Eine vergleichende Untersuchung zu Adorno, Jencks, Lyotard, Welsch, Flusser, Vattimo und Marquard. Zwischen dem Beginn der achtziger und dem der neunziger Jahre des 20. Jahrhunderts hatte die Ästhetik in Deutschland Konjunktur. Es war ein Jahrzehnt intensiver Debatten, nicht nur darum, wie Ästhetik zu betreiben sei, sondern vor allem auch: Worum es in der Ästhetik überhaupt geht und weshalb das wichtig ist. 

Genau an diesem Punkt setzt Nolls Schrift ein. Der Autor führt in die höchst vielstimmige und auch kontroverse Debatte über die Sache der Ästhetik aus der Perspektive eines Zeitgenossen ein. Seine Methode ist nicht die der Musealisierung, aber auch nicht die der harten, direkten Destruktion. Wie er sich mit Theodor W. Adornos Ästhetik der Moderne befasst, dann den ästhetischen Anstoß aus der Architektur von Charles Jencks (dem ersten wirkungsvollen Theoretiker der Postmoderne) aufnimmt, um dann Jean-François Lyotards Progressismus und seiner Wendung zum Erhabenen und, in der langen Schlussgeraden seiner Schrift, der ästhetischen Dimension im Werk von Wolfgang Welsch, der telematischen Ästhetik Vilém Flussers und der Postmodernekritik bei Gianni Vattimo und Odo Marquard nachzugehen, erinnert an ein Mikado-Spiel, das große Geschicklichkeit und Sicherheit voraussetzt: Nach und nach wird Stäbchen für Stäbchen weggenommen, ohne aber Unordnung zu stiften. Genau das Gegenteil ist der Fall. Die Konzision in der Darstellung ist überzeugend. 

Für Noll bildet die Überzeugung, dass die Ästhetik mit dem Besonderen in seiner Besonderheit zu tun hat, die Richtschnur für seine Erläuterungen. Damit entzieht er sich offenkundig allen theoretischen Verallgemeinerungen. Ganz explizit wendet er sich gegen den Vormachtanspruch der Ästhetik, der an gewissen metaphysischen und sonstigen Letztbegründungsbemühungen haften bleibt. Seine Schrift lebt aus der fundierten Überzeugung, dass die philosophische Ästhetik sich den Künsten und auch den Nichtkünsten (Lebenswelt, sinnliche Erfahrung, Medien) öffnen sollte, aber doch nur so, dass sie sich als Ästhetik regeneriert, erweitert, erneuert, ohne sich in den Mittelpunkt des gesamten (geistigen, philosophischen, wissenschaftlichen) Geschehens zu stellen. Nolls vergleichende Untersuchung zu Adorno, Jencks, Lyotard, Welsch, Flusser, Vattimo und Marquard (so der Untertitel des Werks) ist somit mehr als eine primär historisch orientierte Abhandlung. Sie hilft dem Leser dabei, sich mit dem ereignisorientierten Modell ästhetischer Wahrnehmung (nicht umsonst widmet Noll Flussers Ästhetik des Telematischen ein ganzes Kapitel) vertraut zu machen und, wie schon zuvor in dem Welsch gewidmeten Kapitel, zu realisieren, dass die Ästhetik als eine Theorie der Wahrnehmung zu verstehen ist. Die Ästhetik hat keine autonome Dimension, sondern eine konstitutive Funktion für alle Handlungsbereiche. 

Die im Titel der Schrift genannten Philosophen werden in ihren differenten Darlegungen erfasst, was den Streit zwischen Modernen und Postmodernen, aber auch die Unterschiede in den Methoden deutlich werden lässt. Dialektik, Poststrukturalismus, Pluralismus, Hermeneutik, ja auch Phänomenologie wechseln im Denken der behandelten Philosophen methodisch ab. Trotz der divergenten Methoden geraten die ästhetischen Strukturen der modernen und postmodernen Ästhetik in den Blick, was in Nolls Untersuchung ergebnissichernd zu einer Tabelle der Unterschiede zwischen Moderne und Postmoderne durch Auflistung ihrer Merkmale auf einer inhaltlichen und formalen Ebene führt (279). Horizonterweiternd und förderlich ist, dass Noll nicht nur den Theorien nachgeht, sondern das Herausgearbeitete an praktischen Beispielen aus der Kunst und der Literatur festhält, in der Kunst bei Marcel Duchamp, Andy Warhol, Joseph Beuys, Daniel Buren, Christo und Jeanne Claude, und in der Literatur bei Umberto Eco und Italo Calvino. 

Ist der Streit zwischen Modernen und Postmodernen nun behoben und/oder am Ende des 20. Jahrhunderts zum Stillstand gekommen? Mit welchem Ergebnis? Manches spricht für Stillstand und Ermüdung, aber auch für das Finden eigener Positionen. Der literarisch-philosophische Autor spricht sich für die Postmoderne aus, ohne der Moderne ans Leder zu wollen. Hitlerdeutschland hatte die Moderne bedroht und als „entartet“ bezeichnet; solche Zeiten waren glücklicherweise vorbei, die Moderne hatte sich längst hinreichend gut entfaltet und war klassisch geworden. Doch selbst Adorno kennt ein „Altern der Moderne“, und er kennt auch den geschichtlichen Streit. Im historischen Rückblick kam der Querelle des Anciens et des Modernes, von Charles Perrault im 17. Jahrhundert angestoßen und an der Wende vom 17. ins 18. Jahrhundert fortgesetzt, eine große Bedeutung zu. Perrault verteidigte die Modernen seiner Zeit gegen die Alten. Friedrich Schlegel sprach sich fast hundert Jahre später für die Alten aus und landete bei den Modernen (den Romantikern), Friedrich Schiller verteidigte die Modernen und landete bei den Alten (den Klassikern). Ein solcher Streit blieb nicht bloß auf Europa beschränkt; er wurde im 18. Jahrhundert in China unter Kaiser Qianlong hinsichtlich der chinesischen Tradition unter anderen kulturellen Vorzeichen geführt. Letztendlich lassen sich Auseinandersetzungen zwischen Alten und Modernen bereits in der Antike ausmachen.

Jürgen Habermas, einer der schärfsten Postmodernekritiker, sah in ideologischer Hinsicht die Reaktion am Walten. Das ist falsch. In den USA gab es vor und nach dem Zweiten Weltkrieg keinen Faschismus, weshalb der zeitweilige Rückgriff auf den Klassizismus durch Jencks nicht ideologisch belangt werden kann. Eklektizismus ist ebenfalls nicht das Ziel; die Architektur bleibt zukunftsorientiert; sie ist nach Jencks modern und etwas anderes. Rückgriffe auf Klassik, Barock, Regionales in der Architektur und in den Künsten sind kein Selbstzweck, sondern sie führen eine Erzählung fort, indem sie neue Blicke auf Zukunft und Vergangenheit werfen. Es gilt nicht form follows function, sondern form follows fiction. Die Krankenhäuser (Jencks) und Gefängnisse (Foucault) der modernen Architektur lassen und ließen sich sprengen, wie das 1972 in einem für die Postmodernen symbolischen Akt mit den einstigen Neubausiedlungen in Pruitt-Igoe geschah. Der späte Jencks ist übrigens ein Stück von der Architektur abgerückt, indem er in Landschaften und Parks künstlerisch eingreift, diese umgestaltet und der Natur durch Kunst eine besondere ästhetische Attraktivität beimisst. 

Es bleibt die Frage, wie sich die vorliegende Arbeit verorten lässt. Der Autor ist vor allem an der Phänomenologie und an der Dialektik orientiert, was hermeneutische Interpretationen nicht ausschließt. Seine frühesten Beschäftigungen mit Ästhetik gehen auf die phänomenologische Ästhetik zurück, hier vor allem auf Moritz Geiger, der einer der Lehrer Walter Benjamins war. Wie Adorno ging Geiger ins amerikanische Exil, verstarb dort aber vorzeitig, ohne sein Werk zu vollenden. Was methodisch auch für Noll gilt, ist die vorurteilsfreie Untersuchung ästhetischer und künstlerischer Phänomene und Werke. Wenn es dennoch Voraussetzungen gibt, sind diese im Aufklärungsdenken seit Kant zu suchen, in der ökonomischen Aufklärung seit Marx, vor allem in der psychologisch/psychoanalytischen Aufklärung durch und seit Freud, was insgesamt eines der Kennzeichen der Frankfurter Schule ist, der sich Noll verbunden fühlt. Ohne diesen aufklärerischen Ansatz machen sich viele, auch gut gebildete und verbildete Philosophen, etwas vor.

Wie Adorno sagt, sollte es nicht gegen jemanden sprechen, wenn er schreiben kann. Noll ist ein philosophischer Schriftsteller, von dem Reiseerzählungen, Romane, Essays und Lyrik vorliegen. Seine große philosophische Abhandlung dient damit zugleich der eigenen Verortung, was dann besonders klar wird, wenn er sich Eco und Calvino zuwendet. Calvinos Idee des Hyperromans, der Elemente des Künstler- und Bildungsromans aufweist, interessiert Noll besonders. Der Autor, der lange Zeit in Japan und in China lehrte und lebte, ist selber postmodern, da er den mehrperspektivischen Erzählstil pflegt und sich auf andere Kulturen bezieht, ohne dabei die eigene Ausgangslage zu vergessen. Postmodern heißt für ihn in dieser Hinsicht: deutsch/europäisch und etwas anderes: Indien, Japan, China …

Halten wir zum Schluss einige Stichworte fest, mit denen sich Nolls Arbeit zur philosophischen Ästhetik charakterisieren lässt: Ende der Moderne; produktiver Streit zwischen Modernen und Postmodernen; Wortspiel: modérn und módern (Welsch); Fortsetzung der Aufklärung (Adorno) versus Ende der großen Erzählungen von Freiheit und Aufklärung sowie viele kleine, bunte Erzählungen (Lyotard); (k)ein Ende der Geschichte (wider Fukuyama); jeder ist ein Künstler (Beuys); anything goes (aber nur, wenn es als Werk gleich welcher Art gut gemacht ist); schwaches Denken im Gegensatz zum machtbezogenen Denken und „Verwindung“ der Moderne (Vattimo); aesthetic turn (Welsch); Verbindung von Wissenschaft und Kunst; telematische Ästhetik/Ästhetik des Telematischen (Flusser); Fortsetzung der Postmoderne und/oder zweite Postmoderne ohne ideologisches Theater. 

Wulf Noll: Kurzbiobliografie

Wulf Noll ist ein literarisch-philosophischer Schriftsteller, der 1944 in Kassel geboren wurde. Er studierte in Göttingen, Berlin (West) und in Düsseldorf deutsche Literatur, Sprachwissenschaft und Philosophie. Magister Artium in Berlin, beide Staatsexamina, Dr. phil. in Düsseldorf.

Noll war mit Unterbrechungen an folgenden Universitäten beschäftigt: Universität Essen ‒ Gesamthochschule (1977–79), an den japanischen staatlichen Universitäten Tsukuba (1986–90) und Okayama (1993-97), an der chinesischen staatlichen Universität Ningbo (2009–11) sowie an der staatlichen Meeresuniversität von China in Qingdao (2017). In Düsseldorf war Noll von 1999 –2009 Lehrer für Integration für (jüdische) Kontingentflüchtlinge mit akademischer Vorbildung aus den GUS-Staaten. 

Noll veröffentlichte zwanzig Bücher, deren literarische Schwerpunkte hauptsächlich Japan und China betreffen, sowie zahlreiche kleinere Arbeiten, Erzählungen, Abhandlungen, Essays, Rezensionen zur Literatur und zur Kunst. Darunter befinden sich fachphilosophische Abhandlungen in Hochschuljournalen sowie in den wissenschaftlichen Zeitschriften minima sinica und Orientierungen. Wulf Noll ist Mitglied im PEN – Zentrum Deutschland  und in anderen literarischen und wissenschaftlichen Einrichtungen und Verbänden. Es geht ihm um interkulturelles Verstehen, das Wahrnehmen anderer Kulturen sowie um Verständigung. 

Besondere Auszeichnungen: Teilnahme am Japan-EU-Jahr der Begegnung 2005, Preis des Landes Nordrhein-Westfalen: Deutschland in Japan 2005/2006 (Lesereise in Japan). 2017: Gastprofessur/Poet in residence an der Meeresuniversität von China (Ocean University of China) in Qingdao, Provinz Shandong. 

Weitere Informationen

▷ Wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Wulf_Noll 
▷ LITon.NRW: https://liton.nrw/person/noll-dr-phil-wulf
▷ Verlagslink aufs Buch: https://verlag.koenigshausen-neumann.de/product/9783826077470-aesthetische-aspekte-in-der-modernen-und-in-der-postmodernen-philosophie-am-ende-des-20-jahrhunderts/
▷ Radiosendung zum Postmoderne-Buch: https://www.nrwision.de/mediathek/neues-aus-der-literaturstadt-duesseldorf-wulf-noll-schriftsteller-aus-kassel-240109/

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Beitragsbild über dem Text: Wulf Noll an der Meeresuniversität von China, Qingdao (2017). Foto: Archiv des Autors.

Zitierweise

Heinrich Geiger und Wulf Noll (2024): Wulf Noll. Teil 1: Grenzgänger zwischen Philosophie und Literatur. w/k - Zwischen Wissenschaft & Kunst. https://doi.org/10.55597/d19096

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