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35 Jahre Verbindungen zwischen Wissenschaft und Kunst – Runde 2

Helge May und Peter Tepe | Bereich: Frühe Verbindungen zwischen Wissenschaft und (bildender) Kunst

Übersicht: In dieser Reihe unternimmt Peter Tepe den Versuch, die bei ihm vorliegenden Verbindungen zwischen Wissenschaft und Kunst sowie seine bisherige künstlerische Tätigkeit tiefgreifender als bisher zu analysieren und zu interpretieren. In Runde 2 wird der Haupttext in w/k veröffentlicht: Zunächst werden die W-K-Verbindungen in der dialogischen Vorlesung PsychoMythologie vom Wintersemester 1994/95 behandelt. Danach werden weitere attraktive Dokumente aus dem Kontext der theatralischen Vorlesung vorgestellt; darunter Transkriptionen von zwei Fernsehauftritten. Das Mythos-Magazin präsentiert zeitgleich fünf Extras, die bezogen auf PsychoMythologie Erweiterungen des Blickfelds vornehmen und auch Aspekte thematisieren, die nicht direkt mit den W-K-Verbindungen zu tun haben.

Vorbemerkungen

In Runde 2 werden zunächst die W-K-Verbindungen in der dialogischen Vorlesung PsychoMythologie vom Wintersemester 1994/95 behandelt. Danach stellen wir attraktive Dokumente aus dem Kontext der theatralischen Vorlesung und der ersten dialogischen Vorlesung Mythisches, Allzumythisches II vor: einen zweiten Vorlesungsfilm, zwei Fensehauftritte, eine Radiosendung, eine Audiodatei, die den Auftritt des Mythos-Teams auf einem Kunstfest festhält, und schließlich den von Nele Pricken und Minou Friele erarbeiteten Videofilm zum Vorlesungstheater. Der nach alter Art als Dialog zwischen Helge May und Peter Tepe gestaltete Haupttext – die Ausführungen Mays werden fett, die Tepes in Normalschrift gesetzt – findet sich in diesem Fall in w/k, und im Mythos-Magazin werden zeitgleich fünf Extras veröffentlicht.

Runde 1 beschäftigt sich vor allem mit der Vorlesung Mythisches, Allzumythisches vom Wintersemester 1993/94, der nach unserem Informationsstand ersten Vorlesung in Theaterform. Der Haupttext ist Peter Tepes selbstanalytischer Aufsatz Zwischen Wissenschaft und Kunst als Lebensform, der im Juli 2023 im Mythos-Magazin publiziert wurde und hier zugänglich ist. Zeitgleich wurden in w/k fünf Extras publiziert:

  • Das Fernsehinterview mit Peter Rüben vom 4. Februar 1994 wird ein Jahr lang erneut präsentiert.
  • Der 2019 erschienene w/k-Beitrag Vorlesungstheater legt das Konzept der theatralischen Vorlesung ausführlich dar; er enthält auch das Nachwort zur Vorgeschichte aus dem 1995 im Melina-Verlag veröffentlichten Buch: Peter Tepe/Helge May: Mythisches, Allzumythisches. Theater um alte und neue Mythen 1.
  • Das Plakat zur Vorlesung wird gezeigt.
  • An die Verlagsankündigung der Bände Mythisches, Allzumythisches I und II wird erinnert.
  • Die gesammelten Medienreaktionen auf die theatralische Vorlesung und die Bücher Mythisches, Allzumythisches I und II werden erneut zugänglich gemacht.

Das im Anschluss an die theatralische Vorlesung entwickelte Konzept der dialogischen Vorlesung mit künstlerischen Anteilen wird in Kapitel 1.3 von Zwischen Wissenschaft und Kunst als Lebensform dargelegt. Im dort erneut publizierten Nachwort zur Vorgeschichte des Bandes Mythisches, Allzumythisches II wird auch erläutert, wie die vielfältigen Probleme gelöst wurden, die sich beim Übergang vom einmaligen wissenschaftlich-künstlerischen Fest zu einem im Uni-Alltag praktizierbaren Modell einer dialogischen Vorlesung stellten. Dieses Kapitel findet sich hier.

Ursprünglich planten wir, auf der Grundlage der vierteiligen Einführung in die von Tepe entwickelte Mythos- und Ideologietheorie, die im Sommersemester 1995 endete, vier Bücher zu veröffentlichen. Realisiert wurden jedoch nur die beiden genannten Projekte. Der dritte Band sollte aus PsychoMythologie. Erkundungen im Feld Tiefenpsychologie und Mythos hervorgehen und der vierte aus MythoPolitik und mehr. Die noch auf Schreibmaschine geschriebenen Vorlesungstexte waren allerdings für die weitere Verarbeitung bereits von einem Schreibbüro abgetippt worden. 

Vorlesungsfilm

Vielleicht erst mal kurz zu meinem Anteil an Vorlesung 1. Wie in den Semestern zuvor durfte ich deine Texte bearbeiten und mich kreativ austoben – auch um ein breiteres Publikum zum regelmäßigen Besuch der Veranstaltung zu motivieren. Das Medium Film hatten wir ja schon im Rahmen unserer Theater-Vorlesung getestet. Für die nun folgende Reihe bot es sich an, mit einem von mir geschriebenen und realisierten Film zu starten. Gedreht wurde er im Tropenhaus des Botanischen Gartens unserer Uni, im Büro sowie in unserem wissenschaftlichen und künstlerischen Home-Turf, dem Hörsaal 3 H.

Die von dir mit einem neuen Einstieg versehene erste Vorlesung ist – wie damals im Schwerpunkt Mythos/Ideologie üblich – rasch in der Zeitschrift Mythologica. Düsseldorfer Jahrbuch für interdisziplinäre Mythosforschung[1] veröffentlicht worden:

  • P. Tepe/H. May: Cassirers Theorie des mythischen Denkens. Aus der dialogischen Vorlesung PsychoMythologie. In: Mythologica 3 (1995), S. 169–196. Extra 1 zu Runde 2 bringt daraus den Anfang der ersten Vorlesung.

Die inhaltliche Einführung in Ernst Cassirers Theorie des mythischen Denkens vernachlässigen wir, da es jetzt nicht um den Rückblick auf eine bestimmte Entwicklungsphase meiner Mythosforschung geht, sondern um die in der Vorlesung verwirklichten W-K-Verbindungen.

Meine künstlerische Arbeitsweise wird noch deutlicher, wenn man die aufgeführte (und veröffentlichte) Fassung mit deiner Vorarbeit für den Anfang der ersten Vorlesung aus dem Skript vergleicht. Diese ist ebenfalls in Extra 1 zu Runde 2 zugänglich. Der gesamte Vorlesungstext, den ich noch einmal durchgeblättert habe, besteht dem Konzept entsprechend überwiegend aus den von dir verfassten Sachdialogen, in die ich nicht eingegriffen habe.

Bei der erneuten Durchsicht des langen Textes sind uns jedoch kleinere künstlerische Komponenten der dialogischen Vorlesungen aufgefallen, von denen du einige kurz erläutern könntest.

Kleinere künstlerische Komponenten

Das Team der MythicTours GmbH hatte ich bereits in der theatralischen Vorlesung eingeführt. Im zweiten Buch schickte ich dann das Team auf abenteuerliche Reisen. Vergleichbares wäre wohl auch geschehen, wenn aus PsychoMythologie ein Buch geworden wäre … In der Vorlesung setzt sich das Team nur mit den von dir für die Vorlesung ausgewählten Texten auseinander.

Zum Team gehörten zu Beginn der Vorlesung Yoshiro Nakamura, Susanne Stemmler und Ingo Toben. Sabine Jambon musste wegen ihres Examens pausieren; sie kam aber in Vorlesung 13 wieder hinzu.

Die in der Vorlesung auftretenden Figuren tragen zwar die Namen der realen Personen – Peter, Helge, Ingo, Sabine, Susanne und Yoshi –, sind aber nicht mit ihnen identisch. Sie gehören zur fiktiven MythicTours GmbH. Es besteht aber eine Verwandtschaft, die bei dir am größten ist: Du präsentiertest als Peter deine eigenen Texte.

Die anderen trugen die von dir verfassten – und nur in wenigen Fällen von mir für die Aufführung leicht modifizierten – Texte vor, deren Inhalte mit den eigenen, auf das jeweilige Thema bezogenen Überzeugungen nicht übereinstimmen mussten. Es wurde mit der Fiktion gearbeitet, dass die Leute von MythicTours einerseits theoretisch weitgehend an einem Strang ziehen, dass es andererseits aber persönliche Spannungen zwischen ihnen gibt (eingeführt in den teils lebensbedrohlichen Abenteuern und Konflikten im Buch), die sich manchmal in den Dialogen zeigen. 

Zwei Beispiele dafür.

Aus Vorlesung 8

Helge: Übrigens: das ist Ingo. Er war schon in den beiden letzten Semestern dabei. Diesmal steigt er etwas später ein, weil er erst mal ein Theaterstück inszenieren mußte.

Ingo: Hoffentlich bin ich nicht ganz aus der Übung gekommen.

Helge: Wir werden ja sehen. Feuern können wir dich immer noch.

Ingo: Wo seid ihr denn gerade?

Aus Vorlesung 13

Helge: Am Ende des Buches von Eugen Drewermann finden sich zwei Beispiele als Nachwort“, und zwar die Geschichte vom Auszug aus Ägypten“ unddie Geburtsgeschichte Jesu nach Matthäus“.

Peter: Mich würde die Geburtsgeschichte Jesu“ besonders interessieren.

Sabine (frech): Wir ziehen aber die Geschichte vom Auszug aus Ägypten vor, und wir haben die Mehrheit. Helge ...

Helge: Ja, so ist das Leben.

Es wurde also nicht versucht, die tatsächlichen Überzeugungen der Beteiligten in den Äußerungen der Figuren Helge, Ingo, Sabine, Susanne und Yoshi zur Geltung zu bringen. Die realen Personen bekamen den neuen Text jeweils einige Tage vor der nächsten Vorlesung, probten ihre Passagen ein wenig (ohne sie auswendig zu lernen) und trugen sie dann vor.

Die Aufgaben waren in den Hauptpunkten klar verteilt: A und B referierten die gerade behandelte theoretische Position, während es meine Aufgabe war, diese Position aus der Sicht der integralen Theorie des Mythos und der Ideologie kritisch zu prüfen.

Künstlergäste

Zu den künstlerischen Komponenten der Vorlesung gehören auch die Auftritte der Künstlergäste.

Sie werden in meinem Lebensform-Aufsatz in Kapitel 1.3 aufgelistet. Dort findet sich auch die Ankündigung dieser W-K-Verbindung im Kommentierten Vorlesungsverzeichnis. Den Künstlergästen wurde ein Zeitbudget von 15 Minuten zur Verfügung gestellt, das sie frei einsetzen konnten: 3 x 5 oder 1x 10 und 1 x 5 oder 1x 15 Minuten.

Erstens nutzten Studierende, die nicht an der eigentlichen Vorlesung beteiligt waren, die Gelegenheit für einen Auftritt: Lieder und Gedichte wurden vorgetragen, zwei Bands spielten, ein orientalischer Tanz wurde gezeigt, eine Tucholsky-Lesung fand statt. Zweitens machten die Künstler Ulrich Hufnagel und Robby Göllmann, die ich von meinem Aktionsabend im Werstener Kulturbunker und anderen Aktivitäten gut kannte, eine Musikaktion, und der Künstler Jörg Ritzenhoff hielt einen Videovortrag. Drittens trat der auch musikalisch aktive Sprachwissenschaftler Frank Liedtke – der später eine Professur in Leipzig erlangte – zusammen mit Lothar Schmidt auf; das war die einzige Beteiligung eines anderen Dozenten der Heinrich-Heine-Universität an den dialogischen Vorlesungen. In allen genannten Fällen handelte es sich um künstlerische Aktivitäten, die keine Verbindung zum Thema der Vorlesung und zur dialogischen Darstellungsweise aufwiesen.

Das war bei den fünf weiteren Auftritten anders – sie waren mit der Vorlesung verzahnt und knüpften insbesondere an das Vorlesungstheater an. Dreimal trat ich zusammen mit Yoshiro Nakamura auf: Wir trugen neue Geschichten aus der Rattenhöhle vor, die wir geschrieben hatten und die in der bisherigen Vorlesungsreihe noch nicht verwendet worden waren; in der letzten Sitzung unternahmen wir „eine völkerkundliche Exkursion mit ‚Beikircher-Reisen‘“.

Aus einer Fazit-Aktion (1994). Foto: Susanne Stemmler.

Fazit-Aktion

Ich trug eine künstlerische Fazit-Aktion bei, die ich kurz erläutern will. In meinen Vorlesungen der 1990er Jahre (und darüber hinaus) arbeitete ich – mit Ausnahme der theatralischen Vorlesung – folgendermaßen: Nach jedem Arbeitsgang (eine Vorlesung bestand in der Regel aus drei Arbeitsgängen mit anschließender Diskussion) fasste ich die wichtigsten Ergebnisse in einem Fazit zusammen, das über einen Overheadprojektor gezeigt und dabei nach und nach aufgedeckt wurde. In der Fazit-Aktion setzte ich nun einfache künstlerische Mittel ein, um die jeweiligen Thesen in verzögerter Form aufzudecken. Eine solche Aktion gab es bereits in der Vorlesung Mythisches, Allzumythisches II, und davon sind einige Fotos erhalten geblieben.


Film für Mythisches, Allzumythisches II

Da wir gerade Mythisches, Allzumythisches II einbeziehen, sollte ein weiterer Film, den du für diese Vorlesung des Sommersemesters 1994 gemacht hattest, nicht unerwähnt bleiben.

Für Sitzung 2 Mythen des Alltags: Chez Pierre drehte ich den Kurzfilm Ein Werbekonsument. Der Schauspieler Olaf Reichstein konnte hierfür als Gast gewonnen werden. Schon im Rahmen unserer theatralischen Vorlesungen war Olaf mehrfach aufgetreten, unter anderem als fiktiver „Herr Reichstein vom technischen Betriebshof“ und als Museumsführer Reichstein. Auch im Einführungsvideo telefoniert Peter mit Herrn Reichstein vom Suhrkamp Verlag. Wenn Olaf wüsste, dass er gewissenmaßen selbst zum Mythos geworden ist … In dieser Sitzung erfolgte jedenfalls eine Auseinandersetzung mit Roland Barthes‘ Buch Mythen des Alltags.

Hier der Film, der noch eine weitere in der Vorlesung Mythisches, Allzumythisches II verwendete Szene enthält.

Transkriptionen zweier weiterer Fernsehbeiträge

Wo wir schon einmal bei den Nachträgen sind: Es gab außer dem Interview mit Peter Rüben noch zwei weitere Fernsehauftritte, die wir hier leider nicht direkt, sondern nur in der Form einer Transkription präsentieren können.

Dazu müssen wir noch einmal zum Vorlesungstheater zurückkehren. Nach dem Interview in der Sendung Happy Hour wurde ich eingeladen, für den WDR einen Sketch zu schreiben und diesen zusammen mit dem Mythic Tours-Team zu produzieren, was denn auch geschehen ist.

Gesendet in der WDR-Sendung Bunt TV in der Aktuellen Stunde am 19. Februar 1994. Eine vergleichbare Einladung werden nur sehr wenige, die im Uni-Kontext tätig waren oder sind, bekommen haben. Eine bemerkenswerte Anerkennung, finde ich.

Danke für das Kompliment. Da die Kosten für eine einjährige Lizenz unser Budget übersteigen, begnüge ich mich damit, den Sketch zu transkribieren.

Vorspann: Ein Wirsingkopf in Großaufnahme. Klassische Musik im Hintergrund. Einblendung Titel:

Bunt TV. Heute: Kopfsalat. Arbeitslose zum Ernteeinsatz. Blüm „Besser als die ganze Zeit rumsitzen!“

Ein Landwirt fährt mit seinem Trecker auf ein Wirsingfeld. Er fährt rückwärts an einen bereitstehenden Anhänger.

Schnitt: Der Wirsing wird abgeschnitten.

Dr. Helge: (Off): Aber Herr Kollege, es ist ja folgendermaßen. Sie sollten den Ansatz überdenken ...

Der Landwirt betrachtet die Ladefläche des Anhängers. Wenige Kisten sind mit Wirsingköpfen gefüllt, sehr viele Kisten sind noch leer. Mit den Händen in den Hüften dreht er sich zu drei Arbeitern auf dem Feld um und betrachtet sie von weitem. Es handelt sich um Dr. Peter, Dr. Sabine und Dr. Helge, die – statt zu arbeiten – mit Wirsingköpfen und Erntemessern in der Hand in eine angeregte Diskussion verstrickt sind.

Dr. Helge: Das ist die eine Sache! Eine ganz andere Sache ist, dass viele Erwartungen hier geradezu glorifiziert werden, Herr Kollege!

Schnitt auf den Landwirt, der eine volle Kiste auf den Anhänger hievt. Dann, in die Kamera:

Landwirt: Also ich muss schon sagen, das ist ne gute Idee, dass die Leute hier jetzt mit anpacken. Das klappt auch schon richtig prima – dafür, dass die nichts Vernünftiges gelernt haben …

Dr. Sabine gestikuliert mit dem Erntemesser: Heine sagt doch zum Beispiel auch: „Wir werden eine Demokratie gleich heiliger Götter schaffen“. Ich finde das einen so überzogenen Utopismus ...

Schnitt auf den Landwirt: Ja, also wie gesagt, ich find das ganz prima. Obwohl, die Polen, die wir letztes Jahr hatten, die waren ein bisschen fixer bei der Arbeit, nä ...

Er reckt den Hals und winkt zu den diskutierenden Wissenschaftlern herüber: Herr Doktor Kennstenich, können Sie mal bitte ein bisschen ...? Die drei winken zurück.

Alle: Jou ... okay!

Sofort steigen sie wieder in ihre Diskussion ein.

Schnitt auf den Landwirt, der seinen Anhänger zuklappt: Wirklich nette Herrschaften. Auch wenn ich beim Frühstück nicht alles so mitkriege, was die so von sich geben ... Aber Hauptsache, man hat Leute zum Ernten.

Schnitt auf den Trecker, der samt Anhänger auf dem Deich davonfährt. Musik.

Danke für deine Transkription, durch die auch der zweite Fernsehauftritt des Mythos-Teams dokumentiert wird. Nutzerinnen und Nutzer, die sich den Sketch anschauen wollen, können einen Mitschnitt kostenpflichtig über das folgende Formular bestellen: http://www.wdr-mediagroup.com/Mitschnitt.

Ausschnitte aus der theatralischen Vorlesung sind darüber hinaus in der Sendung KulturZeit am 6. Februar 1996 in 3Sat gesendet worden. Da 3Sat bzw. das ZDF grundsätzlich keine Lizenz zur Wiederveröffentlichung erteilt, uns freundlicherweise aber einen Mitschnitt zur Verfügung gestellt hat, bitte ich dich auch in diesem Fall um eine Transkription.

Aber gern.

Andrea Schurian moderiert den Beitrag an:

Sein Rollenrepertoire ist groß. Er spielt Kröten, Igel und Fabelwesen. Ein Germanistikprofessor an der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf verwandelt seinen Hörsaal in eine Bühne und seine Vorlesungen in ein mythologisches Kabarett. Sein Dogma: Universität muss nicht langweilig, eintönig und staubtrocken sein. Thadeus Parade hat sich in den Hörsaal gesetzt.

Man sieht ein Plakat der Vorlesung. Daraufhin die Hörsaalbühne. Das Mythos-Team performt den Nietzsche-Song – begleitet von roboterhaften Bewegungen.

Lass dich ruhig von Nietzsche faszinieren
Du kannst von ihm ne Menge profitieren ...

Parade (Off): Hiphop und Rapgesang im Hörsaal. Eigentlich nichts, was an die Uni gehört – doch in seiner Vorlesung Mythisches, Allzumythisches erprobt der Germanistikprofessor Peter Tepe neue Wege in der Lehre und betreibt – frei nach Nietzsche – im wahrsten Sinne „fröhliche Wissenschaften“. Sein Ansatz einer integralen Mythostheorie betont die Funktion von Mythen für den Alltag.

Peter steht in einer weißen Toga hinter einem Rednerpult. Yoshiro, Sabine, Susanne und Ingo lassen sich als Teilnehmer der Mythic Tours von Reiseleiter Helge den merkwürdigen Vogel zeigen. Man lässt sich mit Peter fotografieren, während dieser unverdrossen weiter doziert.

Parade (Off): In der Vorlesung werden dazu etwa dreißig Mythen aus unterschiedlichen Bereichen inszeniert. Ob Wilhelm Tell, Kennedy oder antike Göttergeschichten – immer wird versucht, trockene wissenschaftliche Inhalte zu entstauben und lebendig zu machen. Auf der phantastischen Expedition ins Reich der Mythen trifft zum Beispiel eine Reisegruppe auf einer abgelegenen Insel auf Gottvater Zeus.

Yoshiro: Das ist entweder ein Gespenst oder ein böser Dämon.

Peter: Ihr irrt Euch, junger Mensch. Ich bin weder ein Gespenst, noch ein Dämon. Ich bin ein Unglücklicher, welcher einst bessere Tage gesehen. Wer aber seid Ihr?

Sabine: Wir reisen mit Mythic Tours – in 80 Mythen um die Welt. Soeben kommen wir aus dem antiken Griechenland, wo wir nach den Spuren der alten Götterwelt gesucht haben.

Peter (kommt neugierig näher): Oh ... so seid Ihr aus meiner Heimat gekommen. Sprecht! Wie ist es uns Göttern ergangen? Hat man uns vergessen?

Ingo: Oh nein, Sie sind in aller Munde! Erst gestern hab ich im Jupiter-Grill die Schlemmerplatte Apollo gegessen.

Helge: Nicht zu vergessen den Krabbencocktail Poseidon.

Susanne: Und die Zeus-Moussaka ... göttlich!

Probensituation: Peter, Ingo, Sabine und Helge besprechen eine Szene mit Igel, Ratten und Kröte.

Parade (Off): Die Lehrveranstaltung bleibt jedoch nicht an der Oberfläche stehen. Dialoge reflektieren und spiegeln die wissenschaftliche Theorie. So dient etwa die Höhle eines Rattenpärchens als Unterschlupf für Dr. Kröte und seinen gewitzten Freund, den Igel. Als Entgelt für Dach und Nahrung verlangen die Ratten Unterhaltung.

Die Masken werden aufgesetzt. Peter, Ingo, Sabine und Helge sitzen im Kreis auf dem Hörsaalboden.

Peter: ... eine konkrete mythische Erzählung ...

Ingo (Ratte) (unterbricht ihn): Warte, warte, warte! Das will ich genau wissen. Also, der Mythos ist die Geschichte, die ich erzähle – und das mythische Bewusstsein ...?

Helge (Igel): ... ist die Art und Weise, wie ihr Ratten, oder wir Igel oder die Kröten die Welt sehen!

Peter (Kröte): Richtig!

Schnitt auf ein Trivial Pursuit-Spielfeld in Großaufnahme.

Parade (Off): Wissenschaftlicher Diskurs verpackt in spielerische Aktionen ...

Schnitt auf die Gruppe auf dem Boden, die Mythical Pursuit spielt.

Parade (Off): ... ist das nicht ein unüberbrückbarer Gegensatz?

Peter: Vom Sachgehalt nicht, die Sachgehalte sind auch in einer normalen Vorlesung verwertbar, würden von mir ähnlich vorgetragen werden. Sie sind nur in eine Spielhandlung eingebettet und von daher gibt es auch didaktische, aber natürlich auch insgesamt ästhetisch-künstlerische Vorteile, die man aber nur in dieser einmaligen Form vielleicht so realisieren kann.

Schnitt auf einen Ausschnitt der Nietzsche-Vorlesung: Die Besatzung der Enterprise trifft auf ihren Widersacher, den Vogt Yoshiro, der als riesige Projektion auf der Leinwand im Bühnenhintergrund zu sehen ist.

Parade (Off): Natürlich ist eine solche Wissenschafts-Performance mit großem Aufwand verbunden. Die Theorie liefert der Professor, Dialoge und Regie stammen vom Musical-Autor Helge May.

Ingo und Helge heben ihre aus Handmixern bestehenden Laserwaffen, als sie Peter in Trenchcoat und mit Hut entgegentreten: Humphrey Bogart ist hier!

Parade (Off): Er bettet die Geschichten in skurrile Szenarien. So befindet sich etwa das Raumschiff Mythos im Anflug auf den Ideologie-Planeten Nietzschia, als plötzlich der Humphrey-Bogart-Mythos die Forscher bedroht.

Helge (Igel): Mein Name ist Mister Stachel. Ich bin der erste Offizier der Mythos. Das ist unser Chefingenieur, Mister Ratt. Wir hätten da eine Frage: Sind Sie ein Mythos?

Peter (Bogart): Nein.

Schnitt auf eine Rattenmaske im Büro. Helge kommt ins Bild.

Parade (Off): Streifzüge durch die gesamte Literatur- und Kunstgeschichte dienen als Grundlagenmaterial für die Theaterszenen.

Helge: Ja, wir haben eigentlich schamlos geplündert. Wir hatten Kurz-Klassiker, von Tannhäuser über Macbeth bis zu Faust, und haben eben Raumschiff Enterprise gehabt, den Heißen Stuhl gehabt, also alles, was man irgendwie kabarettistisch verfremden konnte, haben wir natürlich schamlos mitbenutzt, klar.

Schnitt auf Helge mit Gitarre und Ingo – beide singen die Monty Python-Nummer Always look on the bright side of life mit neuem Text, während hinter ihnen Susanne, Peter und Sabine Arm in Arm mitpfeifen.

Eines Tages scheint die Sonne für dich ...

Parade (Off): Uneingeschränkt zur Nachahmung empfohlen sei die Theatervorlesung wohl nicht, so Tepe. Doch sein Tipp für die Kollegen, frei nach dem Kant’schen Imperativ: Mache mindestens einmal in deinem Leben eine ausgeflippte Lehrveranstaltung, die auch extrem arbeitsaufwendig sein darf.

Helge (singt): Eines Tages scheint die Sonne für dich ...!

Die Ausschnitte aus der Nietzsche-Vorlesung, als deren Rahmenhandlung die Abenteuer des Raumschiffs Mythos dienten, stammen aus dem für Peter Rüben produzierten – und in Runde 1 erneut veröffentlichten – Beitrag für die Sendung Happy Hour.  Die anderen Szenen sind von May ausgewählt und von Parade neu gedreht worden. Nutzerinnen und Nutzer, die sich den Beitrag anschauen wollen, können einen Mitschnitt kostenpflichtig bestellen über: Programmservice@zdf.de

Uni Radio-Sendung

Außer den drei Fernsehbeiträgen, die sich auf das Vorlesungstheater beziehen, gibt es noch eine Uni Radio-Sendung von Christian Gerhardus, die wir Interessierten nicht vorenthalten wollen. Sie enthält auch ein Gespräch mit uns beiden über die Machart der Vorlesung.

Nicht zuletzt ist auch unser Mythos-Lied zu hören „Immer, immer nur Mythos …“. Das sollte man nicht verpassen.

Dr. Kröte – Uni-Radio-Sendung von Christian Gerhardus bei Antenne Düsseldorf am 3. November 1993, Bürgerfunk-Beitrag

Auftritt des Mythos Teams 1995 bei einem Kunstfest

Das Mythic Tours-Team trat schließlich im Dezember 1995 beim Kunstfest Kreuz und quer auf Beton im Werstener Kulturbunker auf. Die Textgrundlage findet sich in Extra 2; hier beschränken wir uns auf den Zugang zur Audiodatei.

Im Werstener Kulturbunker haben sich Kröte, Ratten und Igel gleich zuhause gefühlt – der große, vollständig dunkle Aufführungsaal unterm Dach mit seinem natürlichen Hall war wie geschaffen dafür, die Atmosphäre unseres Spielortes, der Mythos-Höhle wiederzugeben. Ich habe meinen Anfangsmonolog aus der allerersten Vorlesung ausgewählt, um dem Publikum den Kontext unseres Projekts zu vermitteln. Danach traten Sabine und Ingo als Ratten auf und trugen zunächst die düsteren Beschwörungs-Verse zu Ehren des fiktiven Rattengottes Schattenfell vor. Dann erzählten die beiden abwechselnd den grausamen Entstehungsmythos, in dessen Mittelpunkt dieser Rattengott steht – mit vollem Einsatz und auf ziemlich blutrünstige Art und Weise. Das Publikum war entsprechend beeindruckt. 

Der Kulturbunker war übrigens auch später für ein Jahr künstlerische Heimat, Proben- und Spielort für mein Kinderstück Die wahre Geschichte von Robin Hut. Die Produktion stellte ich zusammen mit meinen Freunden und Schauspielkollegen Dirk Franke und dem in Sachen Mythos bereits mehrfach erwähnten Olaf Reichstein auf die Beine. Im Grunde war diese Aufführungsreihe der Startschuss für meine weitere Karriere: Hier wurde eine Redakteurin des WDR auf mich aufmerksam, die mich dann zu einem Casting für eine Kindersendung einlud. Ich moderierte zusammen mit meiner Kollegin Claudia Boderke zwei Jahre lang die Live-Sendungen Maus und Freunde sowie ARD Samstagmorgen. Danach entwickelten Boderke und ich Serien- und Showkonzepte, schrieben erste Sketche für Comedy-Formate bei RTL und SAT1 und wurden so schließlich beide Fernsehautoren. Heute schreibe ich wieder hauptsächlich fürs Kinderfernsehen – der Kreis schließt sich. Wer weiß – vielleicht kommt bald ein Kinderformat mit mythischen oder gar mythologischen Anklängen dazu …?

Nele Pricken und Minou Friele haben Videoaufnahmen von einigen Sitzungen des Vorlesungstheaters gemacht. Den daraus hervorgegangenen Film, der technisch einige Schwächen aufweist, machen wir erneut zugänglich.

Jetzt bringen wir noch drei weitere Fotos von Fazit-Aktionen.

Das ist alles, was wir zur theatralischen Vorlesung und den darauf folgenden drei dialogischen Vorlesungen mit Künstlergästen gefunden haben.

Abschließend weise ich noch auf die Extras 3–5 hin, die zeitgleich im Mythos-Magazin publiziert werden:

  • Extra 3: Der Aufbau der ganzen Vorlesung PsychoMythologie. Hier werden die Themen der 14 Vorlesungen aufgelistet.
  • Extra 4: Reaktion auf die Veranstaltungskritik in Vorlesung 13. In den 1990er Jahren fand in vielen meiner Lehrveranstaltungen eine Veranstaltungskritik statt – so auch in den meisten Vorlesungen. In Vorlesung 13 wurde die Reaktion des Teams auf die geäußerten Kritikpunkte eingebaut.
  • Extra 5: Die wichtigsten Thesen der Vorlesung. Wer sich für die Inhalte der Vorlesung interessiert, kann durch die in der letzten Sitzung gegebene Zusammenfassung zumindest einen Vorgeschmack bekommen.

In diesen Extras werden also Erweiterungen des Blickfelds vorgenommen und einige Aspekte thematisiert, die nicht direkt mit den W-K-Verbindungen zu tun haben.

Beitragsbild über dem Text: Peter Tepe bei einer Fazit-Aktion (1994/95). Foto. Susanne Stemmler.


 [1] Im Verlag Die blaue Eule sind von 1993 bis 2002 acht Bände erschienen. Danach erfolgte ein Wechsel zum Verlag Königshausen & Neumann, der mit einer Titeländerung verbunden war. Von Mythos. Fächerübergreifendes Forum für Mythosforschung sind von 2004 bis 2016 vier Bände publiziert worden.

Zitierweise

Peter Tepe (2023): 35 Jahre Verbindungen zwischen Wissenschaft und Kunst – Runde 2. w/k - Zwischen Wissenschaft & Kunst. https://doi.org/10.55597/d18704

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