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ZERO-Interviews: Johannes Raimann

Barbara Könches im Gespräch mit Johannes Raimann | Bereich: Interviews

Übersicht: Das Interview mit Barbara Könches entstand in der Zero foundation im Rahmen des Projekts „each grows stronger when nourished by the other“ (György Kepes). Es ist Teil einer Reihe, in der die am Projekt beteiligten Künstler*innen über ihre Kunst, ihre Bezüge zur Wissenschaft sowie ihre Verbindung zu den ZERO-Künstlern berichten. Der Titel des Projekts lautet Sehen, Hören und Fühlen – Phänomene in Natur, Wissenschaft und Kunst; es ist eine Kooperation der ZERO foundation, Düsseldorf, mit dem MIT Museum Studio und der Compton Gallery des Massachusetts Institute of Technology in Cambridge, MA, USA sowie der Staatlichen Kunstakademie Düsseldorf. Gefördert wird es vom Ministerium für Kultur und Wissenschaft des Landes Nordrhein-Westfalen und der E.ON Stiftung gGmbH. Alle ZERO-Interviews sind Zweitveröffentlichungen und wurden zuvor auf der Website der ZERO foundation publiziert.

Johannes Raimann, meine Lieblingsarbeit von Dir heißt „Fotografie ist eine Haltung“. In einem ca. 1:40 Minuten dauernden Video sieht man eine junge Frau, die mit verschiedenen Kameras fotografiert: Sie arbeitet mit einer Spiegelreflexkamera aus einer leichten Hocke heraus, dann schaut sie aus gestreckter Haltung von oben in das Objektiv einer Mittelformatkamera. Man erkennt auch, dass sowohl das Fotografieren mit dem Smartphone wie mit einer Großbildkamera dem Körper eine weniger spezifische Haltung abverlangen. Du beschreibst die Wechselwirkung zwischen Körper und Bildmaschine als Tanz. Ist dieser Tanz als eine erinnerte Bewegung des Körpers generell in die Fotografie oder Kunst eingeschrieben?
Die Arbeit hat in der Ausstellungssituation eine Länge von 5:30. Ja, ich denke, diese Interaktion ist zentral für die Fotografie. Ich würde das aber nicht als eine Erinnerung, sondern als eine Kommunikation beschreiben. Die Projektion der Arbeit erfolgt lebensgroß. Es ist also tatsächlich die Tänzerin Hannah Kickert, die einem entgegentritt. Mit ihr gemeinsam habe ich diese Choreografie entwickelt. Das Verhältnis Betrachtete/Betrachter*in kehrt sich um. So wird diese körperliche Tätigkeit nicht nur beschrieben, sondern tatsächlich erfahrbar.

Link zur Videodokumentation Fotografie ist eine Haltung

Körper im Übergang von materiell zu immateriell sind ein Thema der ZERO-Bewegung: Denken wir an Yves Kleins Anthropometries oder Manzonis Fiato d’Artista. In den 1960er Jahren konnte man sich noch nicht vorstellen, dass menschliche Körper rund 60 Jahre später von künstlicher Intelligenz und Datennetzen ersetzt werden. Ist aus einer poetischen Annährung eine nihilistische Absage geworden?
Nein, das denke ich nicht. Solange Maschinen keinen menschlichen Körper haben, können sie kein menschliches Bewusstsein ausbilden. Ich glaube, dass uns die letzten technologischen Entwicklungen sehr vehement fragen, was es denn heißt, ein Mensch zu sein. Die Grenze, die durch die wechselseitige Bestimmung entsteht, ist aber keine feste. Ich denke, die Grenzen zwischen dem Menschen und seinen Technologien waren immer fließend. Diese Unschärfe bedeutet aber nicht, dass das eine das andere nihiliert.

Dein Lebensweg weist interessante Parallelen mit dem von Mack, Piene und Uecker auf. Du hast Grafik- und Kommunikationsdesign in Wien studiert. Das haben die ZERO-Gründer nicht, aber sie haben für die drei ZERO-Magazine das Layout entworfen und häufig die grafischen Entwürfe für Einladungen und Ausstellungsplakate gestaltet. Anschließend hast Du Philosophie in Wien studiert und bist parallel zur Universität für angewandte Kunst gegangen, bevor Du 2017 an die Kunstakademie nach Düsseldorf gewechselt bist. Warum ausgerechnet Düsseldorf, eine Akademie, die weniger für Konzeptkunst als für materiell basierte Kunst bekannt ist?
Meine Professorin Gabriele Rothemann war Meisterschülerin von Fritz Schwegler in Düsseldorf. Der Name „Universität für angewandte Kunst“ ist dabei sehr irreführend. Sie ist eine der beiden großen Kunsthochschulen in Wien. Das „Angewandte“ im Namen stammt noch aus der Kaiserzeit und hat sich gehalten. Gabriele Rothemann hat mich sehr ermutigt und unterstützt, nach Düsseldorf zu wechseln. Nach 25 Jahren in Wien war das auch dringend nötig. Als ich das erste Mal in Düsseldorf einen Rundgang gesehen habe, war ich sehr fasziniert von dem Umgang mit Material. Ich merkte, dass ich sehr vieles, was hier geschieht, nicht verstehe. Das hat mich neugierig gemacht! Düsseldorf hat aber auch eine lange Geschichte der konzeptionellen Arbeiten: Beuys, die Bechers und auch mein derzeitiger Professor – Marcel Odenbach. Die grafischen Arbeiten von ZERO mag ich sehr, da sie so auf das Wesentliche reduziert sind.

Gibt es Künstler*innen, einzelne Kunstwerke oder Bücher, die Dich stark beeindruckt haben?
Bücher sind für mich sehr wichtig. Eines der schönsten Geburtstagsgeschenke, die ich je bekommen habe, war, dass mir mein Vater und ein Freund geholfen haben, meine Bücher nach Düsseldorf zu transportieren. Meine Bibliothek ist eine wilde Mischung aus Künstler*innenbüchern, Fach- und Sachbüchern, philosophischen Standardwerken und historischen Fundstücken.

Mit Deiner neuesten Arbeit PT-AE4000 alias Tiresias hast Du Dich insofern vom Menschen verabschiedet, als die Videoinstallation komplett autonom funktioniert und keine menschlichen Spuren mehr aufweist. Ein Beamer ohne Bildinformation wirft den blinden Schatten seiner gespiegelten Projektion an die Wand. In einem Text zu der Arbeit heißt es, dass der Beamer verständlicherweise ein Misanthrop ist. Warum?
Ich denke, die wechselseitige Bestimmung des Menschen und seiner Technik ist eine gute Methode, um sich der Frage des Mensch-Seins anzunähern. Die Methode, die ich dabei gewählt habe, besteht darin, den Beamer mit einer literarischen Figur zu verweben. Ich bin der Meinung, dass die Arbeit mehr über das Menschliche als über das Technische verrät, auch wenn sich die beiden bedingen.

Die ZERO-Kunst stellt meines Erachtens die letzte humanistisch geprägte Avantgarde dar. Auf welchen Voraussetzungen beruht Deine Kunst?
Hauptsächlich auf einem erkenntnisfähigen Subjekt. Oft spielt Sprache eine Rolle in meinen Arbeiten – da ist die Kenntnis der Sprache dann von Vorteil. Manchmal kommen spezifische Bedingungen noch hinzu – Dunkelheit oder eine bestimmte Beleuchtung. Und Humor ist auch nicht schlecht.

Kann Schönheit heute noch einen Wert an sich darstellen?
Ja, unbedingt, aber was sind die Bedingungen, um Schönheit zu erkennen? Oder wie lässt sich die Interesselosigkeit des interesselosen Wohlgefallens herstellen?

Beitragsbild über dem Text: Johannes Raimann: Fotografie ist eine Haltung (2016). Videostill: Johannes Raimann.

Zitierweise

Barbara Könches (2022): ZERO-Interviews: Johannes Raimann. w/k - Zwischen Wissenschaft & Kunst. https://doi.org/10.55597/d17247

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