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Theater trifft Wissenschaft

Text: Roland Koch | Bereich: Kunstbezogene Wissenschaft

Übersicht: Theater trifft Wissenschaft: Das Berliner Ensemble und die Helmholtz-Gemeinschaft präsentierten auf dem 12. Forum Wissenschaftskommunikation ihr gemeinsames Projekt.

Vorbemerkung der w/k-Kernredaktion: Das 12. Forum Wissenschaftskommunikation fand zum Thema Wissenschaft trifft Kunst vom 10. bis zum 12. Dezember 2019 in Essen statt. Hier stellten das Berliner Ensemble und die Helmholtz-Gemeinschaft ihr gemeinsames Projekt Theater trifft Wissenschaft vor. Wir luden Roland Koch – den damaligen Pressesprecher der Helmholtz-Geschäftsstelle Berlin – ein, die Präsentation zu einem w/k-Beitrag zusammenzufassen.

Die Bühne auf der Bühne

Lässt sich ein innovatives Kommunikationsprojekt, das eines der renommiertesten deutschen Theater gemeinsam mit der größten deutschen Forschungsorganisation ins Leben gerufen hat, in 75 Minuten sinnvoll diskutieren? Wir haben das probiert. In der Session Theater trifft Wissenschaft, einem Bericht aus der Praxis, haben sich fünf Beteiligte auf die Bühne gewagt – und mit dem Publikum des Forums Wissenschaftskommunikation munter-philosophisch diskutiert.

Worum ging es dabei? Das Berliner Ensemble und die Helmholtz-Gemeinschaft haben Anfang des Jahres 2018 eine Kooperation begonnen, in deren Rahmen Wissenschaftler*innen, Künstler*innen und Publikum in einen direkten Dialog treten sollen. Bislang gab es in dieser Kooperation zwei Publikumsdiskussionen im Anschluss an je eine Theatervorführung – Mary Page Marlowe (25.4.2018), Parallelwelten (16.11.2018) – sowie einen Thementag am 7.4.2019 mit anschließender Theatervorstellung (Castorfs Bearbeitung von Brechts Galileo Galilei). Mit diesen ersten gemeinsamen Projekten wurde ein weites Themenfeld abgesteckt: In Mary Page Marlowe von Pulitzerpreisträger Tracy Letts wird das Schicksal einer suchtkranken Frau beschrieben – von ihrer Kindheit bis ins hohe Alter. Verschiedene Schauspielerinnen verkörpern Mary Page in den unterschiedlichen Stationen ihres Lebens, zeigen Momente der Hoffnung, der Verzweiflung wie des Zweifelns, der Erfüllung und des Scheiterns. Mit diesem Stoff befasst sich auch die Wissenschaft in unzähligen Disziplinen. Aus der Helmholtz-Welt brachten deswegen ein Neuropsychologe und ein Epigenetiker ihre Sicht auf persönliche Verantwortung, Prägung und Vererbung ein. In Parallelwelten von Kay Voges et.al. wurden die Unbestimmtheit und Gleichzeitigkeit von möglichen Realitäten, die sich aus gängigen Theorien der Quantenphysik ergeben, thematisiert, was ein Physiker der Helmholtz-Gemeinschaft fachlich facettenreich ergänzen konnte. Im Galileo von Brecht wurden die Spannungen zwischen wissenschaftlicher Erkenntnis und gesellschaftlichen Beharrungskräften aufgezeigt – für die Helmholtz-Wissenschaftler mit Blick auf die Klimaforschung und die bevorstehenden gesellschaftlichen Veränderungen, die sich aus der Forschung an Künstlicher Intelligenz (KI) ergeben, aktueller denn je.

Tracy Letts: Mary Page Marlowe (2018). Foto: Julian Röder.
Aufführung des Stücks Mary Page Marlowe von Tracy Letts (2018). Foto: Julian Röder.
BERLINER ENSEMBLE: Galileo Galilei (2018). Das Theater und die Pest. Nach Bertolt Brecht mit Musik von Hanns Eisler. Regie: Frank Castorf, Bühne: Aleksander Denić, Kostüme: Adriana Braga Peretzki, Sounddesign: William Minke, Musikal. Einstudierung. Jörg Gollasch, Dramaturgie: Frank Raddatz.
Aufführung von Brechts Stück Galileo Galilei in der Inszenierung von Frank Castorf (2018). Foto: Matthias Horn.

Diese gemeinsamen Veranstaltungen orientierten sich also thematisch jeweils an aktuellen Produktionen des Berliner Ensembles. Helmholtz steuerte Wissenschaftler*innen bei, die zu den Themen der Produktionen forschen. Gemeinsam mit den Schauspieler*innen und / oder der Dramaturgin wurde dann das Gespräch mit dem Publikum gesucht, um die auf der Bühne verhandelten Themen noch einmal aus einem ganz anderen Blickwinkel zu betrachten, ergänzende Einblicke zu ermöglichen und – wahrscheinlich am wichtigsten – neue Fragen zu stellen. Während das Theater sich Zugang zu aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen versprach, wollte Helmholtz vor allem wissen, wie die Kunst auf wissenschaftliche Arbeit reagiert und aktuelle Themen verarbeitet – und wie mit diesem Ergebnis ein Publikum an einem Ort (dem Theater) erreicht wird, der bislang nicht für die Wissenschaftskommunikation genutzt wurde. Das Publikum wiederum sollte die Möglichkeit erhalten, nach der Aufführung seine Fragen zu wissenschaftlichen Zusammenhängen und Hintergründen direkt an Experten zu adressieren. Diese traten dabei nicht nur als Erklärer auf, sondern nahmen die Diskussionen und Fragen auch als Anregungen für ihre eigene Forschung mit. Eine win-win-win-Situation entstand recht schnell in diesen Diskussionen, die auch durch emotionale Nachwirkungen der Aufführung befeuert wurden.

Von Anfang an war beabsichtigt, dass im Anschluss an das Theaterstück nicht einfach eine Wissenschaftler*in das Thema in einer Art Vorlesung erklären sollte. Vielmehr stand die gemeinsame Exploration des Themas durch die Beteiligten, die Schauspieler*innen, die Dramaturgin, die Wissenschaftler*innen und das Publikum, mit ihren jeweils unterschiedlichen Herangehensweisen, unterschiedlichen Schwerpunktsetzungen und ihrer unterschiedlichen Sprache im Mittelpunkt des Interesses. Weitere gemeinsame Projekte sind – sobald es die Corona-Situation erlaubt – geplant. Auch andere Theater haben Interesse geäußert. Am Badischen Staatstheater Karlsruhe hat es mittlerweile eine ähnliche Veranstaltung gegeben. Grundsätzlich kann die Kooperation also als Erfolg verbucht werden. Dennoch lohnt ein Blick auf die Details, denn eine Kopie der Kooperation dürfte nicht so einfach funktionieren.

Zunächst war es ein Experiment …

Nach Einschätzung aller Beteiligten jedoch ein sehr erfolgreiches. Beide Partner profitierten von diesem Format – und auch das Publikum hat es mit großem Interesse aufgenommen. Die Veranstaltungsräume der Diskussionen waren bis auf den letzten Platz besetzt – und nicht nur davon sollte auf dem Forum Wissenschaftskommunikation in Essen berichtet werden. Auf diesem Podium saßen:

Corinna Kirchhoff: Sie studierte an der Max-Reinhardt-Schule für Schauspiel Berlin. Ihr Theaterdebüt gab sie bei Peter Stein an der Schaubühne Berlin. Sie ist vielfach ausgezeichnet, unter anderem 1996 als Schauspielerin des Jahres, hatte Engagements etwa am Burgtheater Wien, Schauspielhaus Zürich, bei den Salzburger Festspielen. Neben ihrer Theaterarbeit ist Corinna Kirchhoff auch aus Kino- und Fernsehfilmen bekannt. Seit der Spielzeit 2017/18 ist sie am Berliner Ensemble.

Sibylle Baschung: Während ihres Geschichts- und Germanistikstudiums arbeitete die geborene Schweizerin als Regieassistentin am Theater Basel, hatte Stationen am Theater Neumarkt in Zürich und am Schauspiel Frankfurt. Von 2006 bis 2012 hatte sie einen Lehrauftrag für Aufführungsanalyse an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst, Frankfurt am Main. Mit Beginn der Intendanz von Oliver Reese 2009 in Frankfurt übernahm sie die Leitung vom Schauspiel Studio. 2012 wurde sie Chefdramaturgin. Seit Herbst 2017 ist sie Leitende Dramaturgin am Berliner Ensemble.

Eva Verena Müller: Sie hat ihre künstlerische Ausbildung an der Folkwang Hochschule in Essen absolviert und dann in zahlreichen Theateraufführungen mitgewirkt, etwa am Schauspielhaus Dortmund, in Gera, Leipzig und Moers. Sie ist in vielen TV-Produktionen und Kinofilmen zu sehen. Zuletzt beispielsweise in Der Junge muss an die frische Luft (2018). Eva Verena Müller ist neben ihrer schauspielerischen Tätigkeit auch Autorin und Wissenschaftlerin an der Forschungsanstalt für Waldökologie und Forstwirtschaft. Am Stück Die Parallelwelt ist sie als Autorin und Schauspielerin beteiligt.

Andreas Kosmider: Er ist Leiter des Geschäftsbereichs Strategische Initiativen in der Geschäftsstelle der Helmholtz-Gemeinschaft, Koordinator des Strategieprozesses Digitalisierung. Zuvor war er Projektleiter am Karlsruher Institut für Technologie. Er ist studierter Astrophysiker und Theater-Enthusiast – und gemeinsam mit Sybille Baschung Mitinitiator der Helmholtz-Berliner-Ensemble-Kooperation.

Die Moderation hatte Roland Koch übernommen, Pressesprecher der Helmholtz-Gemeinschaft in der Geschäftsstelle Berlin.

Podiumsgespräch beim Forum Wissenschaftskommunikation: (2019). Videostill: Wissenschaft im Dialog.
Podiumsgespräch beim Forum Wissenschaftskommunikation (2019). Videostill: Wissenschaft im Dialog.

Was also haben Forschende am Theater zu suchen? Wie kommen sie in einen Dialog mit Schauspielerinnen und Schauspielern, in dem beide Seiten einander verstehen? Kann Theater trifft Wissenschaft ein Best-Practice-Beispiel für andere Häuser und Städte sein?

Zunächst einmal stand am Anfang des Projekts die persönliche Bekanntschaft der Dramaturgin Sibylle Baschung und des Wissenschaftlers Andreas Kosmider. „Das schaffte eine Vertrauensbasis, auf der wir eine solche Idee erst einmal grundsätzlich in den Raum stellen konnten, ohne irgendwelche unerwünschten Konsequenzen fürchten zu müssen“, sagte Kosmider beim Forum Wissenschaftskommunikation in Essen. „Auf dieser Basis konnten wir uns dann daran machen, uns ein Thema zu erarbeiten.“ Und das sei nicht immer ganz einfach gewesen, ergänzte Baschung. Schließlich hätten Künstler ein anderes Verständnis von und einen anderen Zugang zu Themen als Wissenschaftler. Bei Letzteren gehe es um einen faktenbasierten, rationalen Zugang. Demgegenüber habe die Kunst mehr Freiheit in der Interpretation und könne auch die emotionale Ebene berücksichtigen. „Aber wir sind ja doch alle Forscher!“, hierauf konnten sich Baschung und Kosmider sehr gut verständigen. So seien die Ideen in einem fruchtbaren Wechselspiel entwickelt worden.

Der Moderator wollte dann doch etwas genauer wissen, was Autoren, Dramaturgen, Schauspieler von den Wissenschaftlern benötigen, um die aktuellen Entwicklungen von Wissenschaft und Technik auf die Bühne zu bringen, und was das Wissenschaftssystem leisten muss, um die Einwirkungen der neuesten Entwicklungen in einem angemessenen kulturellen Dialog zu betrachten. Hier waren sich Eva Verena Müller und Andreas Kosmider einig: immer wieder den Dialog suchen, sich auch Zeit nehmen, die Themen etwas tiefer anzugehen – „das geht dann auch schnell mal ins Detail, und man fragt sich, was man davon in einen Theaterabend kriegt, und vor allem wie. Bereichernd ist es aber allemal, denn nur so kommt man unter die Oberfläche“, sagte Eva Verena Müller. Es waren sich auch alle einig, wie wichtig es sei, eine gemeinsame Sprache zu finden, Geduld und Verständnis für die jeweils anderen Denkweisen mitzubringen.

Corinna Kirchhoff trug im dritten Teil der Präsentation aus Friedrich Nietzsches Die Geburt der Tragödie (1872) vor und stellte die Frage nach dem Zusammenhang von Frage, Form und Erkenntnis. Eine spannende Diskussion entwickelte sich, ob denn neue Formen der Darstellung neue Sprech- und Denkweisen nach sich ziehen, die dann die wissenschaftliche Weltbetrachtung zu neuen Fragen führen. Wie ist es in der Wissenschaft um das Verhältnis von Subjekt und Objekt bestellt? Lässt sich die Welt vollends wissenschaftlich erkennen oder bleibt ein Rest an Mysteriösem, Unverfügbarem? Gibt es womöglich das, was die Welt im Innersten zusammenhält? Und wie ist es um die Wahrheit bestellt? Wissenschaft und Kunst haben unterschiedliche Herangehensweisen, Sichtweisen, Antworten und Fragen. Doch diese stehen nicht unversöhnlich in zwei Welten, sondern können sich gegenseitig bereichern, wenn die Chemie zwischen den Beteiligten stimmt. Dies war die wohl wichtigste Erkenntnis aus der Zusammenarbeit von Berliner Ensemble und Helmholtz.

Auch die Diskussion in Essen fokussierte sich schnell auf die philosophische Dimension. Diese wurde aus dem Publikum besondert lebhaft kommentiert, und auch die Wissenschaftler auf dem Podium räumten ein, dass sie ihre Inspiration ja irgendwo herbekommen müssen – ohne neue Fragen keine neue Erkenntnis.

Und was ist mit der eingangs gestellten Frage, ob sich eine solche Kooperation in 75 Minuten sinnvoll diskutieren lässt? Die Antwort lautet: Und wie! Nicht, dass sich Antworten auf alle Fragen gefunden hätten. Aber viele Fragen zu allzu selbstverständlichen Antworten, neue Ideen und Inspiration für viele weitere gemeinsame Projekte. Denn eines wurde auch in Essen wieder klar: Diese Partnerschaft wird weitergehen, hier haben sich Künstler*innen und Wissenschaftler*innen gefunden, die Lust auf sehr viel mehr haben.

Andreas Kosmider über Theater und Wissenschaft (2019). Video: Yannick Brenz / Wissenschaft im Dialog.

Am 12. Forum Wissenschaftskommunikation nahm auch Vera Meyer teil, die im englischen w/k-Teil mit zwei Beiträgen vertreten ist:

Hier finden sich weitere w/k-Beiträge, die sich auf das 12. Forum Wissenschaftskommunikation beziehen

▷ Siehe den w/k-Beitrag Vorlesungstheater.

▷ Im September 2020 wird in w/k veröffentlicht: Eva Verena Müller: Zwischen Wissenschaft und Theater, ein Gespräch mit Peter Tepe

Beitragsbild über dem Text: Szene aus Parallelwelten (2018). Foto: Birgit Hupfeld.

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