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Über Konzepte der künstlerischen Forschung: Programm der Reihe

Text: Peter Tepe | Bereich: Allgemeines zu „Kunst und Wissenschaft“

Übersicht: In dieser Reihe findet eine Auseinandersetzung mit den im deutschen Sprachraum erschienenen Sammelbänden zum Thema künstlerische Forschung statt. Die Texte sind auch Einladungen zur Beteiligung an einer breit angelegten Pro-und-contra-Diskussion.

Im Frühjahr 2021 startet in der von mir herausgegebenen Online-Zeitschrift Mythos-Magazin (www.mythos-magazin.de) die Reihe Über Konzepte der künstlerischen Forschung, deren Fortsetzungen im Rhythmus von 2–3 Monaten veröffentlicht werden. In w/k erscheint jeweils zeitgleich eine Zusammenfassung des längeren Textes.

Vorarbeiten

In w/k ist die längerfristig angelegte Pro-und-Contra-Diskussion durch drei Vorarbeiten in die Wege geleitet worden:

Hinzu kommt ein weiterer Beitrag, der über Promotionsmöglichkeiten für Künstlerinnen und Künstler in Irland informiert:

Diskussion

In beiden Online-Zeitschriften können Diskussionen stattfinden:

  • Im Kommentarteil zur jeweiligen Zusammenfassung ist in w/k eine Debatte über den neuen Text direkt nach dessen Veröffentlichung möglich.
  • Im Mythos-Magazin wird 2021 eine Flexibilisierung eingeführt, d.h., hier werden künftig auch einzelne Texte veröffentlicht. Diese Option wird für die Fortsetzungen der Reihe Über Konzepte der künstlerischen Forschung genutzt, und sie kann zusätzlich auch für längere Diskussionsbeiträge verwendet werden.

Ziele und Vorgehensweise

Für meine Auseinandersetzung mit Positionen der künstlerischen Forschung (Artistic Research) wähle ich folgende Form: Ich setze mich mit den im deutschen Sprachraum erschienenen Sammelbänden zum Thema künstlerische Forschung in der Reihenfolge des Erscheinens auseinander. Begonnen wird mit dem von Anton Rey und Stefan Schöbi herausgegebenen Band Künstlerische Forschung. Positionen und Perspektiven. Zürich 2009. Ein Vorteil dieser Vorgehensweise ist, dass so nach und nach eine Vielzahl von theoretischen Ansätzen, Thesen und Argumenten berücksichtigt werden kann, sodass durch die Reihe ein informativer Überblick über die bisherigen Entwicklung im deutschsprachigen Raum entsteht, der die eigene Meinungsbildung erleichtert.

Ich setze mich nicht mit allen Aufsätzen auseinander, die in einem bestimmten Sammelband enthalten sind, sondern beschränke mich auf diejenigen, welche eine Theorie oder Methodologie der künstlerischen Forschung – sei es auch in skizzenhafter Form – vertreten und/oder ein Kunstprogramm der künstlerischen Forschung befürworten. Künstlerische Beiträge, die anders angelegt sind, klammere ich ebenso aus wie wissenschaftliche Artikel, die sich mit Problemen anderer Art befassen.

Bezogen auf meine spezifische Fragestellung unterscheide ich bei den für diese relevanten Beiträgen eines Sammelbands zwischen Texten von größerer und von kleinerer Bedeutung. Den aus meiner Sicht wichtigeren Texten widme ich ein ganzes Kapitel, die anderen behandle ich in knapperer Form in Diskussion einzelner Aspekte.

Eigene Position

Meine Auseinandersetzung erfolgt vor dem Hintergrund theoretischer Überzeugungen, welche sich im Lauf der Zeit herausgebildet und verfestigt haben. Ich verweise an dieser Stelle auf neuere w/k-Beiträge zum Verhältnis von Kunst und Wissenschaft und zur Theorie der ästhetischen Erfahrung:

Kunsttheoretische Diskussion

Im Zentrum stehen die unterschiedlichen Theorien der künstlerischen Forschung, sofern sie primär als Kunsttheorien gelten können. Gefragt wird zunächst, wie die einzelnen Thesen und Argumente zu verstehen sind. Bei Bedarf werden Klärungsversuche unternommen. Die eigentliche kritische Diskussion erfolgt dann dergestalt, dass alternative Thesen und Argumente ins Spiel gebracht werden, um herauszufinden, welche Sichtweise auf wissenschaftlicher Ebene vorzuziehen ist: Hält These a einer kritischen Prüfung nach allgemeinen Standards empirisch-rationalen Denkens stand oder muss die alternative These b als überzeugender gelten? Eine solche Kunsttheorie ist vor allem mit anderen Kunsttheorien zu vergleichen: In welcher Hinsicht geht sie über die anderen Theorien hinaus? Gibt es wichtige Erkenntnisfortschritte zu verzeichnen? Selbstverständlich werden meine Einschätzungen auf wissenschaftlicher Ebene nicht unwidersprochen bleiben.

Bei einigen Künstlerinnen und Künstlern finden sich bis zu einem bestimmten Grad ausgeformte Überlegungen, die als Elemente einer Kunsttheorie betrachtet werden können. Ich schlage vor, derartige Überlegungen folgendermaßen einzuordnen: Wird eine kunsttheoretische These aufgestellt und für diese ein Anspruch auf Allgemeingültigkeit erhoben – handelt es sich also nicht nur um eine auf die eigene künstlerische Praxis zugeschnittene These mit beschränktem Geltungsanspruch –, so wird damit die wissenschaftliche Ebene betreten. In der kunsttheoretischen Diskussion sind natürlich auch die von Künstlerinnen und Künstlern stammenden Überlegungen zu berücksichtigen. Solche Thesen und Argumente können jedoch kein Sonderrecht für sich beanspruchen: Sie sind nach denselben Kriterien zu prüfen wie die kunsttheoretischen Aussagen der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler – eine bestimmte kunsttheoretische These ist nicht deshalb richtig, weil eine Künstlerin oder ein Künstler sie aufgestellt hat und sich dabei auf die eigene künstlerische Intuition beruft.

Selbstzuordnungen zur künstlerischen Forschung und Klärungen

Wenn ein Künstlerin oder ein Künstler sich der künstlerischen Forschung zuordnet, so kann dies als Selbstzuordnung zu einer bestimmten Kunstströmung angesehen werden: „Ich bin künstlerischer Forscher“ kann daher mit „Ich bin Konzeptkünstler“, „Ich mache Land Art“ usw. verglichen werden. Solche Selbstzuordnungen sind zu respektieren.[1] Die wissenschaftliche Auseinandersetzung wird erst erforderlich, wenn mit Erkenntnisanspruch eine bestimmte These aufgestellt wird; es ist legitim, diese einer kritischen Prüfung zu unterziehen. Entsprechendes gilt, wenn eine Wissenschaftlerin oder ein Wissenschaftler sich der künstlerischen Forschung zuordnet; das stellt eine zu respektierende Selbstzuordnung zu einer bestimmten Wissenschaftsrichtung dar ­– vergleichbar mit „Ich bin Anhänger der Diskursanalyse“.

Gesondert zu behandeln ist der Fall, dass eine Künstlerin oder ein Künstler von anderen – abweichend vom jeweiligen Selbstverständnis – der künstlerischen Forschung zugeordnet wird. Im Prinzip ist in jedem Einzelfall zu prüfen, ob diese Einordnung berechtigt ist.

Klärungsbedarf

Wenn eine Künstlerin oder ein Künstler die eigene Tätigkeit als künstlerische Forschung begreift, so bedarf das in vielen Fällen keiner Kritik. Unter Forschung im Allgemeinen und künstlerischer Forschung im Besonderen wird jedoch Unterschiedliches verstanden. Das hängt auch damit zusammen, dass der Begriff der künstlerischen Forschung ein Modebegriff ist: Viele sind bestrebt, unter dieser Flagge zu segeln. Daher bedarf es ­– insbesondere auf wissenschaftlicher Ebene ­– der Klärung, der Erläuterung. Und diese kann im Einzelfall eine Kritik nach sich ziehen, wenn unter künstlerischer Forschung etwas sachlich Problematisches verstanden wird oder wenn aus einer Klärung problematische Folgerungen gezogen werden.

Ich konstruiere drei Beispiele für Verständnisse von künstlerischer Forschung: Künstlerin A gibt auf Nachfrage an, dass sie für bestimmte künstlerische Projekte Recherchen unternimmt, die sie als Forschungen einordnet. Künstler B teilt mit, dass er über die Voraussetzungen seiner künstlerischen Praxis nachdenkt; das versteht er unter Forschung in der Kunst. Künstlerin C experimentiert mit diversen Materialien, was sie als künstlerische Forschung betrachtet. In meinen Kommentaren versuche ich, die verschiedenen Bedeutungen von „künstlerische Forschung“, die bei Künstlerinnen und Künstlern auftreten, herauszuarbeiten – auch um ihr Verhältnis zueinander bestimmen zu können.

Auf wissenschaftlicher Ebene sinnvoll

Während es bei Künstlerinnen und Künstlern, die sich als künstlerische Forscher verstehen, hingenommen werden kann, dass sie nicht ausführlicher und genauer darlegen, was sie damit meinen, ist dies auf wissenschaftlicher Ebene als für den Erkenntnisprozess hinderlich zu betrachten. Die ungeklärte Verwendung des zentralen Begriffs hat hier zur Folge, dass die an der Diskussion Beteiligten zwar vielfach der Auffassung sind, sie würden über dieselbe Sache reden, während sie de facto aneinander vorbeireden. Für die wissenschaftliche Diskussion über Theorien, Methodologien und Kunstprogramme der künstlerischen Forschung wäre es daher vorteilhaft, wenn der zentrale Begriff in geklärter Form verwendet würde. Zu einer solchen wünschenswerten Klärung gehört auch die hinlänglich präzise Abgrenzung von den anderen Theorien der künstlerischen Forschung, die zumindest teilweise als konkurrierende Theorien anzusehen sind.

Aus empirisch-rationaler Sicht besteht aber nicht nur hinsichtlich des zentralen Begriffs der künstlerischen Forschung häufig Klärungsbedarf, sondern auch hinsichtlich einzelner Aussagen. So wird – um an dieser Stelle nur ein Beispiel zu erwähnen – der Kunst ein spezifisches Erkenntnispotenzial zugesprochen. Auf wissenschaftlicher Ebene drängt sich die Frage auf: Was genau wird hier unter durch die Kunst erlangter Erkenntnis verstanden, und wie unterscheidet sich diese von wissenschaftlichen Erkenntnissen (vor allem der Erfahrungswissenschaften) sowie von vorwissenschaftlichen Erkenntnissen des Alltagslebens?

Reform der Kunstausbildung

Hinter dem Schlagwort künstlerische Forschung verbergen sich in einigen Fällen Kunstströmungen, welche in dieser oder jener Kunstform neue Akzente setzen, und es gibt Theorien der künstlerischen Forschung, die solche neuen Kunstrichtungen unterstützen und zu ihrer Durchsetzung beitragen wollen.

Andere Theorien der künstlerischen Forschung haben demgegenüber einen bildungspolitischen Hintergrund: Sie sind primär bestrebt, die Kunstausbildung dieser oder jener Art zu reformieren, sie z.B. im Rahmen des Bologna-Prozesses im Sinne des Dreischritts Bachelor, Master, Promotion umzugestalten und so unter anderem eine Promotionsmöglichkeit für Künstlerinnen und Künstler zu schaffen. Einige Theorien der künstlerischen Forschung verfolgen primär bildungspolitische Ziele.

Durch das Nebeneinander von kunsttheoretischen und bildungspolitischen Ansätzen kompliziert sich die Debatte. Ich plädiere dafür, Theorien der künstlerischen Forschung, welche in der Hauptsache Kunsttheorien sind, von solchen zu unterscheiden, die in der Hauptsache bildungspolitische Ziele verfolgen, und sie über weite Strecken getrennt zu diskutieren. Enthält ein Sammelband Texte mit bildungspolitischer Stoßrichtung, so werde ich auch deren Thesen und Argumente behandeln, obwohl die kunsttheoretischen Fragen bei mir im Zentrum stehen.

Als Besonderheit der weitverzweigten Debatte über künstlerische Forschung halte ich fest: In ihr geht es erstens um eine neuartige Kunstrichtung oder um mehrere Richtungen dieser Art, zweitens um Theorien/Methodologien der künstlerischen Forschung, die als Kunsttheorien auftreten und drittens um bildungspolitische Konzepte, in denen Thesen über die künstlerischen Forschung als Instrumente verwendet werden, um politische Ziele zu verwirklichen. Diese Konstellation ist in der Geschichte der Künste ungewöhnlich, vielleicht sogar einmalig, und das macht die Diskussion besonders spannend.

Beitragsbild über dem Text: Debate on Artistic Research (2021). Illustration: Till Bödeker.


[1] Kritik ist jedoch auf einer abgeleiteten Ebene möglich: In Einzelfällen kann gezeigt werden, dass ein Künstler sich zwar z.B. als Surrealist begreift, dass seine künstlerische Arbeit aber de facto überwiegend Prinzipien einer anderen Kunstströmung folgt, sodass die Selbstzuordnung als zumindest teilweise irreführend zu betrachten ist.

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