Text: Nina-Marie Schüchter | Bereich: wissenschaftsbezogene Kunst
Übersicht: Der Text untersucht Kanade Hamawakis künstlerisch-forschende Praxis im Rahmen der Nakanojo Biennale 2025 – 10th International Contemporary Art Festival in der Präfektur Gunma. Das bekannte Lotteriespiel Bingo transformiert sie in der dafür konzipierten Arbeit Stadt-BINGO zu einer partizipativen, ortsbezogenen Aktion und ermöglicht dadurch ein spielerisches Erkunden des urbanen Raums und seiner Geschichte. Zahlen erscheinen dabei jenseits ihrer naturwissenschaftlichen Normierungsfunktion als spezifische Marker, die individuelle, lokale und nicht-objektivierbare Bedeutungen sichtbar machen.
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Das Anfang des 20. Jahrhunderts von Edwin Lowe entwickelte Bingo ist nicht nur ein beliebtes Gesellschafts- und Glücksspiel, es schärft auch die Wahrnehmung für Zahlen und ihre Varianz. Diese Idee liegt der künstlerisch-forschenden Praxis von Kanade Hamawaki im Rahmen der Nakanojo Biennale 2025 – 10th International Contemporary Art Festival (13.09.–13.10.2025) in der Präfektur Gunma, Japan, zugrunde. In ihrer Arbeit Stadt-BINGO (jap.: Watashi no machi bingo gēmu) wird das bekannte gemeinschaftliche Lotteriespiel als eine in Gruppen erfahrbare, partizipative Aktion in den urbanen Raum verlagert. Für das ortsbezogene Spiel konzipierte Hamawaki Bingo-Karten, die den Ausgangspunkt bilden, um kollektiv mittels der Suche nach Zahlen die Geschichte Nakanojos und seiner Menschen spielerisch zu entdecken. Jenseits der rahmengebenden Spielregeln bestimmen die Partizipierenden dabei selbst Dynamik, Dauer und Richtung des Spiels. Die Gewinner:innen des Spiels konnten für sie selbst relevante Zahlen an den zwei sogenannten Sammelorten für Zahlen mit Post-its hinterlassen und schrieben sich dadurch selbst, materiell sichtbar, in das Spiel mit ein. In einem mehrwöchigen Research-Prozess beschäftigte sich Hamawaki mit der Präsenz von Zahlen im Stadtraum (Abb. 1–2): Sie ordnen das Zusammenleben, normieren den Alltag, verweisen auf soziale Übereinkünfte, deuten auf Anwesenheit oder Absenz von Menschen hin und tragen Geschichte in sich. Mein Text reflektiert vor diesem Hintergrund Zahlen und ihre Bedeutungsweisen jenseits naturwissenschaftlicher Praktiken und nimmt jene der Kunst inhärenten Potentiale – vor allem das sinnliche Erfahren und das soziale Interagieren – in den Blick, die Hamawaki nutzt, um die Stadtgeschichte Nakanojos und ihre Zahlen mittels ihrer ästhetischen Forschung im Spannungsfeld von Kunst und Wissenschaft wahrnehmbar zu machen. Der Arbeit werde ich mich beschreibend und unter Bezugnahme auf Ansätze der künstlerischen Forschung nähern, um zentrale Merkmale von Hamawakis künstlerisch-forschender Praxis herauszuarbeiten.
Hamawakis künstlerisch-forschende Praxis
Kanade Hamawaki setzt sich in ihrer künstlerischen Arbeit mit theoretischen Ansätzen u. a. aus der Soziologie, Phänomenologie, Theaterwissenschaft und Naturwissenschaft auseinander. Diese lässt sie in die Konzeption ihrer Aktionen und partizipativen Interventionen einfließen, aber auch in ihre dingbasierten Arbeiten, etwa ihren Büchern. Hamawakis künstlerische Praxis setzt bei den starren Ordnungs- und Regelsystemen der spätmodernen Gegenwart an, die durch Rationalisierungsprozesse, ein lineares Zeitverständnis sowie einen anhaltenden Fortschrittsglauben geprägt ist. Diese Aspekte werden von ihr nicht nur mittels eines reproduktiven Aufgreifens sichtbar gemacht, sondern performativ durch ästhetische und strukturelle Abweichungen aktiviert und dadurch hinterfragt. Exemplarisch zeigt sich dies in der Aktion PUBLIKUMSBEFRAGUNG, die vom 6.–13. Februar 2023 in der Kunstakademie Düsseldorf stattfand. In dieser konnten die Besucher:innen mittels eines formalisierten Fragebogens an der Aktion partizipieren. Die Teilnehmenden waren eingeladen, drei Fragen eines von Hamawaki entwickelten Fragebogens durch das Ausmalen vorgegebener Kreise mit roter Kreide zu beantworten; dieser konfrontierte die Besuchenden mit grundlegenden philosophischen Fragestellungen, deren Komplexität sich innerhalb der eingeschränkten Ausdrucksmöglichkeiten eines Punktesystems nur unzureichend erfassen ließ. Die anschließende systematische Hängung der ausgefüllten Bögen durch im roten Overall uniformierte ‚Arbeiter:innen‘ im Ausstellungsraum überführte individuelle Handlungen in eine serielle Ordnungsstruktur. Die zeitlich streng begrenzte Durchführung – 7 Tage lang, täglich 9 Stunden – sowie die Erfassung von insgesamt 1692 Fragebögen verweist die Begrenztheit von starren bürokratischen Regeln und statistischen Erfassungen. Durch das partizipative Moment wurde erfahrbar gemacht, wie bürokratische Verfahren menschliche Akteure in standardisierte Abläufe einbinden und Bedeutung durch spezifische Ordnungs-, Repetitions- und Verwaltungsweisen erzeugen. In der Arbeit Stadt-BINGO lässt sich eine direkte Fortführung dieser Prinzipien erkennen: Bekannte Ordnungsstrukturen des Alltags und naturwissenschaftliche Systematiken werden nicht nur thematisiert, sondern selbst zu konstitutiven Elementen der Arbeit.
Bingo spielend den urbanen Raum erkunden
Bingo ist in aller Munde. Als beliebtes Gamification-Tool wird die Spielstruktur immer wieder genutzt, um etwa aktuelle gesellschaftliche Themen aufzubereiten und zu karikieren, oder in den sozialen Medien Jahresvorsätze und -Prophezeiungen zu visualisieren. Bingo und seine niederschwelligen Regelweisen scheinen auf eine lockere und spielerische Weise sperrige Inhalte vermitteln zu können. Als beliebtes Gemeinschaftsereignis – insbesondere durch US-amerikanische Filme und Serien – im popkulturellen Gedächtnis tief verankert, spielt es auch in Nakanojo im Rahmen des alljährlichen VolksfestesNakanojo Gion Matsuri eine wichtige Rolle (Abb. 3–4). Es ist somit im kollektiven Gedächtnis der Bürger:innen als Teil der Stadtidentität verankert. Hamawaki knüpft an diese Spieltradition an, um einerseits neue Wahrnehmungsmodi auf den eigenen Stadtraum für die Bürger:innen und andererseits einen spielerischen Zugang für ortsfremde Besucher:innen der Biennale zu schaffen.

Die im Festival- und Informationszentrum der Biennale ausliegenden Spielkarten bildeten den Ausgangspunkt, um kollektiv oder individuell sich auf die Suche nach Zahlen zu begeben. Dabei gab es zwei verschiedene Arten von Suchobjekten: zum einen Zahlen, die als objets trouvés ständig im Stadtraum von Nakanojo zu finden sind. Zum anderen eigens von Hamawaki gefertigte Zahlentafeln aus Holz, die während der Laufzeit der Biennale an unterschiedlichen Orten im Stadtraum angebracht und durch ihre gelbe Farbe als zum Spiel gehörig erkennbar waren. Letztere versah die Künstlerin mit Zahlen, die sie während ihrer Artist Residency und in diesem Rahmen realisierten zweiwöchigen Rechercheprozesses, u. a. gemeinsam mit der Leitung des Nakanojo Town History and Folklore Museum, auswählte. Zusammen mit den ortsansässigen Einzelhändler:innen der Bäckerei (Abb. 5), des Nachhilfecenters, des Kulturzentrums Tsumuji (Abb. 6) – bestehend aus Cafés, einem Shop mit lokalen Kunsthandwerksprodukten und regionalen Spezialitäten –, des Schreibwarenladens und der Besitzerin des Izakayas Tachibana sprach Hamawaki zudem über ihre Arbeit und die möglichen Anbringungsorte der Zahlentafeln. Ein essentieller Teil des Produktionsprozesses stellte neben der Recherche historisch wichtiger Zahlen für die Stadt somit die Beschäftigung mit der städtischen Infrastruktur und die Interaktion mit den Bewohner:innen dar, die sich so bereits im Vorfeld der Ausstellungseröffnung mit der Arbeit identifizierten und durch den Einbezug in den Planungsprozess ein wichtiger Teil von ihr wurden. Neben der sozialen Dimension des Produktionsprozesses (Abb. 7) wies auch die partizipative Rezeption durch aktives Mitspielen eine gemeinschaftliche Komponente auf. Dabei changierte diese zwischen vorgegebenen Regeln und freien Handlungsmöglichkeiten sowie individuellen Interpretationsweisen der Spielenden.
Das zeigte sich auch in den Rezeptionsdynamiken, die sich nach der Abwesenheit der Künstlerin, nach der Eröffnung der Biennale, beobachten ließen. Engagierte Spieler:innen dokumentierten ihren Spielverlauf, hielten ihn fotografisch fest und teilten die Orte, an denen die Zahlen auf den Bingokarten im Stadtraum zu finden waren, in den sozialen Medien und präsentierten somit die ‚Lösung‘ des Spiels. Einige von ihnen spielten auch mehrere Durchläufe und entwickelten das Spiel unabhängig von den ursprünglichen Ideen der Künstlerin weiter. Ein Beispiel für das Eigenleben, das Stadt-BINGO durch die Spieler:innen bekam, war das Verschwinden einer ursprünglich im Planungsprozess mitberücksichtigten Zahl während der Laufzeit der Biennale. Die Spieler:innen reagierten auf produktive Weise auf diese Änderung, indem sie Ersatzziffern fanden, andere Zahlen entdeckten und das Spiel somit als partizipierende Rezipient:innen transformierten. Der vermeintliche ‚Fehler‘ eröffnete damit neue Spielweisen und forderte zur eigenständigen Lösungsfindungen auf.
Um das Gewinnen ging es dabei nur sekundär. Vielmehr sollte das spielerische Erkunden des Stadtraums und das wachsame Blicken auf den sich durch den demografischen Wandel verändernden urbanen Raum von Nakanojo durch die gemeinsame Zahlensuche ermöglicht werden. Dafür nutzt Hamawaki die Potenziale, die Ursula Stenger Spielen zuschreibt:
„Das Spiel zeichnet sich durch räumliche und zeitliche Begrenztheit, durch Wiederholbarkeit und Einmaligkeit aus, es durchbricht das normale, alltägliche Leben, baut sich unverfügbar und ereignishaft auf, setzt dabei auch Handlungs- und Denkformen des Alltags außer Kraft und entlässt den Spielenden dann wieder in sein gewöhnliches Leben.“ (Stenger 2014, 267)
Trotz seiner Abgegrenztheit vom Alltagsleben steht das Spiel in einer engen Relation zu diesem, denn in der Spielpraxis „werden kulturelle Muster, Prinzipien, Bilder, Narrationen und Werte genutzt, um Welt zu deuten“ (Stenger 2014, 272). Das Spiel gibt diese aber nicht nur repetitiv wieder, sondern fokussiert vor allem das, „was der Wahrnehmung entgleitet“ (Seitz 2022, o. S.). Das Spiel positioniert sich daher oftmals an Rändern gesellschaftlicher Ordnungen, „um das Ausgeschlossene, Ungehörte, auch Ungehörige zu finden“ (Seitz 2022, o. S.). Im Falle von Stadt-BINGO sind das die übersehenen, scheinbar unwichtigen Zahlen, die jedoch, schenkt man ihnen Aufmerksamkeit, mehr über Menschen, Stadt und kulturelle Praktiken verraten, als sich auf den ersten Blick vermuten lässt. Entscheidend sind dabei nicht nur das Aufgreifen einzelner singulärer Zahlen, sondern auch die Eigenheiten, die sie in ihren Existenzformen als Reihe, Aufzählung und Serie produzieren und damit auch den Wunsch, in Ansammlungen und Zahlenfolgen eine Logik, einen Rhythmus oder ein rationales Erklärungsmuster zu erkennen. Wird ihre Anordnung hingegen durch Zufall, willkürliche Zuschreibungen oder individuelle Präferenzen bestimmt, ist die Identifikation einer nachvollziehbaren Systematik nicht möglich. Naturwissenschaftliche Zahlenlogiken erweisen sich durch Hamawakis künstlerische Intervention als konstruiert, wodurch gerade jene Aspekte in den Vordergrund treten, die üblicherweise unbeachtet bleiben und sich jenseits ihrer normierenden Funktion verorten lassen.
Zahlen jenseits ihrer Normierungsfunktion
Abfahrtszeiten von Zügen, Preise im Supermarkt, Gradzahlen im Wetterbericht, die Uhrzeit, Wärmestufen auf dem Herd, Prozentzahlen des Handyakkus auf dem Display: Zahlen strukturieren den Alltag und begegnen uns in vielfältigen, regelmäßig wiederkehrenden Kontexten. Dabei sind sie so tief in Routinen eingeschrieben, dass sie unbewusst wahrgenommen werden und sich in omnipräsente Zeichensysteme des Alltags eingeschrieben haben, ohne aufzufallen; erst ihr Fehlen lässt sie oftmals offenkundig werden, was bereits Augustinus im 4. Jahrhundert beschrieb: „Betrachte Himmel, Erde, Meer und alles, was da glänzt und kriecht und fliegt und schwimmt: alles hat Formen, weil es Zahlen hat, nimm sie fort und alles wird zunichte.“ (Augustinus zit. n. Rötzer 71). Zahlen sind aber auch das naturwissenschaftliche Symbol schlechthin. Mit ihnen kann unsere Welt vermessen und scheinbar greifbar gemacht werden. Sie sind Ausdrucksform, in der Ergebnisse angegeben werden, aber auch maßgebliche Form, durch die naturwissenschaftliche Forschung erst ermöglicht wird. Diese Funktionsweisen werden auch in der Bildenden Kunst aufgegriffen, so spielen sie in den Vermessungen Leonardo da Vincis, der Bildgestaltung des Goldenen Schnitts bis zum Kubismus, in dem Zahlen aus Zeitschriften und Zeitungen als sogenannte Papiercollés Eingang in Malereien und Collagen finden, eine wichtige Rolle. Nicht zuletzt in der Gegenwartskunst, in der Künstler:innen mit KI als Werkzeug zusammenarbeiten, sich mit Algorithmen, Codes und Programmiersprache auseinandersetzen, wird die Bedeutung von Zahlen insbesondere in Krisenzeiten aufgegriffen und in Relation mit der systemischen Eingebundenheit des Menschen in rationalistische Ordnungsweisen gesetzt.
So erscheint etwa nach dem Ersten Weltkrieg „[d]er Mensch als Maschine, als funktionierender Roboter, als kaltes Konstruktionsgehirn und pedantischer Rechenautomat“ (Maur 1997, XVI). In dieser Zeit geht das „Gespenst des automatisch funktionierenden, anonymen, raffgierigen und berechnenden Robotermenschen um, dessen Attribute Zahlen und Maßbänder, Uhrwerke und Geldscheine sind“ (Maur 1997, XVI), wie Karin von Maur passend beschreibt. Auch in der Gegenwart erscheint der Mensch als eine verwaltete Einheit, die „datenmäßig erfasst und polizeilich registriert wird“ (vgl. Maur 1997, XVI). Vor dem Hintergrund zunehmend ausdifferenzierter KI-Systeme stellt sich zusätzlich die Frage, ob Kreativität als messbare Einheit verstanden werden kann. Dies bedeutet nicht nur eine Vergewisserung und Neujustierung von grundsätzlichen epistemologischen und anthropologischen Annahmen, sondern markiert auch einen krisenhaften Status, der sich im Spannungsfeld von quantifizierbarer und errechenbarer Leistung und der qualitativen Individualität menschlicher Kreativität situieren lässt.
Für Hamawakis künstlerische Arbeit ist eben jene Handlungsmacht der Zahlen in Relation zur menschlichen Existenz in ihrer sozialen Dimension – insbesondere im kollektiv genutzten Stadtraum – von zentraler Bedeutung. Während Architektur, Stadtplanung und kommunale Verwaltung den urbanen Raum üblicherweise durch quantifizierbare Parameter erfassen und dadurch eine Vergleichbarkeit mit anderen Städten herstellen – anhand von Einwohnerzahlen, Straßenführungen, Migrationsbewegungen oder dem durchschnittlichen Alter der Stadtbevölkerung –, verfolgt Hamawaki einen grundlegend anderen Ansatz. Statt Zahlen als Instrumente der Vermessung und vermeintlich objektiven Beschreibung des Stadtraums einzusetzen, verschiebt Hamawaki den Fokus auf deren situative und kontextgebundene Erscheinungsformen. Somit erforscht sie jenseits wissenschaftlicher Darstellungsweisen, die insbesondere die „referentielle Funktion semiotischer Prozesse“ sichtbar machen und dafür „diskursive Sprache sowie Tabellen und Grafiken als Ausdrucksmittel nutzen“, die „Materialität und Performanz semiotischer Prozesse“ (Bippus 2010, 12). Die von Hamawaki thematisierten Zahlen – individuelle Telefonnummern, Zahlen auf Werbeschildern, Nummernschildern oder wichtige Daten, die die Stadtgeschichte betreffen – dienen dementsprechend nicht der statistischen Repräsentation Nakanojos, sondern verweisen in ihrer jeweils singulären Präsenz auf unterschiedlichste Funktionen innerhalb des urbanen Gefüges. Auf diese Weise werden Zahlen nicht als abstrakte Vergleichswerte verstanden, sondern als spezifische Marker, die individuelle, lokale und nicht normierbare Bedeutungen im Stadtraum sichtbar machen. Damit nutzt Hamawaki jene Möglichkeiten einer künstlerisch forschenden Praxis, die Dieter Mersch benennt:
„Ihre Logik ist […] nicht das Sagen, sondern das Zeigen, das einer anderen Ordnung gehorcht, das gleichwohl auf seine Weise Reflexionen zu statuieren vermag – z. B. indem es Kraft seiner Singularität auf Rückseiten oder Ausgegrenztes verweist, sich in den Weg stellt, Versuchsanordnungen vereitelt oder das Absurde mancher Fragestellungen offenbar macht.“ (Mersch 2022, 97)
So nutzt sie die naturwissenschaftliche Repräsentationsform der Ziffer auf eine andere, künstlerische Weise und thematisiert dabei die Grenzen der Rationalisierungsbestrebung durch Zahlen, in diesem Fall die Messbarkeit und Darstellbarkeit von ‚Stadtraum‘ in Daten und Fakten. Phänomene und Dinge, die in standardisierten statistischen Erhebungsverfahren nicht erfasst werden, kommen zum Vorschein, wodurch die von Mersch benannte Rückseite und Ausgegrenztes Würdigung erfährt. Dieser Fokus kongruiert mit jenen Merkmalen, die Elke Bippus für eine künstlerische Forschungspraxis feststellt:
„Das Kunstwerk kreiert einen Raum, der ein spezifisches Verhältnis zwischen Subjekt und Objekt herstellt und lässt darin eine ästhetische Erfahrung möglich werden, in der nicht die übliche Asymmetrie zwischen wissendem Forscher und Anwender zum Zuge kommt, sondern ein ‚Kommunikationsangebot‘ gemacht wird.“ (Bippus 2010, 12)
Im Sinne von Bippus etabliert Hamawaki mit Stadt-BINGO einen neuen ästhetischen Erfahrungsraum innerhalb der städtischen Infrastruktur Nakanojos. Das Spiel fungiert als Kommunikationsangebot, das individuelle Wahrnehmung und kollektive Bedeutungsproduktion durch soziale Interaktion und spielerische Praxis ermöglicht. Im Sinne Hito Steyerls ist es als „Akt der Übersetzung“ (Steyerl 2010, o. S.) zu verstehen, der zwischen Alltagsraum und Spielebene vermittelt und Zahlen als ‚kommunizierende‘ Akteure einsetzt.
Literatur
Bippus, Elke (2010): Einleitung, in: dies. (Hg.): Kunst des Forschens. Praxis eines ästhetischen Denkens. Zürich. 7–26.
Hegenberg, Jan (2024): Klima-Bullshit-Bingo: Klimaschutz zerstört die Wirtschaft! … und andere Stammtischparolen widerlegt. München.
Kiel, Tatjana; Schlösser, Susanne; Grüngreiff, Sabine; Lassen, Svenja, Wagener, Maren (2025): Bullshit-Bingo – Was Frauen nicht mehr hören wollen: schlagfertig kontern, cool bleiben und Eindruck hinterlassen. München.
Maur, Karin v. (1997): Vom Bild der Zahl zwischen ‚Objet trouvé‘, Code und Metasprache, in: Dies. (Hg.): Magie der Zahl in der Kunst des 20. Jahrhunderts. Stuttgart. XI-XXII.
Mersch, Dieter (2022): Artistic Research/Künstlerische Forschung, in: Siegmund, Judith (Hg.): Handbuch Kunstphilosophie. Bielefeld. 147–163.
Rötzer, Florian (1993): Wissenschaft und Ästhetik, in: Kunstforum International. Bd. 124. 70–81.
Seitz, Hanne (2022): non non fiction – Zur Theorie und Praxis des Spiels und die Rolle der Mimesis im Theater und anderswo, in: KULTURELLE BILDUNG ONLINE: https://www.kubi-online.de/index.php/artikel/non-non-fiction-zur-theorie-praxis-des-spiels-rolle-mimesis-theater-anderswo
Stenger, Ursula (2014): Spiel, in: Wulf, Christoph; Zirfas, Jörg (Hg.): Handbuch Pädagogische Anthropologie. Wiesbaden. 267–274.
Steyerl, Hito (2010): Ästhetik des Widerstands? Künstlerische Forschung als Disziplin und Konflikt, in: art/knowledge: overlaps and neighboring zones 1. https://transversal.at/transversal/0311/steyerl/de
Abbildungen
Titelbild:
BU: Screenshot aus Trailer zur Arbeit Stadt-BINGO: https://nakanojo-biennale.com/2025/artist_channel/kanade-hamawaki/ (letzter Zugriff: 11.01.2026).
Foto: Nakanojo Biennale
Abb. 1
BU: Kanade Hamawaki, Stadt-BINGO, Dokumentation des Rechercheprozesses (2025). Datei: Kanade Hamawaki
Abb. 2
BU: Kanade Hamawaki, Stadt-BINGO, Dokumentation des Rechercheprozesses (2025). Datei: Kanade Hamawaki
Abb. 3
BU: Nakanojo Gion Matsuri (2025). Foto: Kanade Hamawaki
Abb. 4
BU: Bingo-Spiel im Rahmen von Nakanojo Gion Matsuri (2025). Foto: Kanade Hamawaki
Abb. 5
BU: Bingo-Spielerin im Rahmen von Nakanojo Gion Matsuri (2025). Foto: Nina-Marie Schüchter
Abb. 6
BU: Kanade Hamawaki, Stadt-BINGO, Zahlentafel am Gebäude der Bäckerei (2025). Foto: Nina-Marie Schüchter
Abb. 7
BU: Kanade Hamawaki, Stadt-BINGO, Zahlentafel im Stadtzentrum Tsumuji (2025). Foto: Nina-Marie Schüchter
Abb. 8
BU: Kanade Hamawaki, Stadt-BINGO, Dokumentation für die Vorstellung des Projekts im Rahmen der Vorlesung Künstlerische Forschungen von Prof. Dr. Timo Skrandies am Institut für Kunstgeschichte der Heinrich-Heine-Universität am 12.11.2025. Datei: Kanade Hamawaki
Zitierweise
w/k-Redaktion (1026): Bingo! Über die Bedeutungsweisen von Zahlen und Kanade Hamawakis künstlerisch-forschende Praxis. w/k - Zwischen Wissenschaft & Kunst. https://doi.org/10.55597/d20162
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